Unternehmen erzählen ihre Geschichte aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche wollen ihre Herkunft und handwerkliche Tradition unterstreichen, andere ihre Innovationskraft beweisen, Mitarbeiter an das Unternehmen binden oder eine historisch gewachsene Marke gegenüber neuen Wettbewerbern differenzieren. Wieder andere machen aus ihrem Unternehmensarchiv ein Museum, ein digitales Medienangebot oder sogar eine touristische Attraktion. Gemeinsam ist erfolgreichen Ansätzen jedoch ein entscheidender Punkt: Geschichte wird nicht einfach rückblickend dokumentiert, sondern für die Gegenwart relevant gemacht.
Genau darin liegt der Kern von History Marketing. Unternehmensgeschichte wird zur strategischen Ressource für Markenführung, Content Marketing, Kommunikation und Identitätsbildung. Die Vergangenheit dient dabei nicht als dekorative Kulisse. Historische Produkte, Fotografien, Dokumente, Werbung, Gebäude, Mitarbeitergeschichten und unternehmerische Entscheidungen werden recherchiert, eingeordnet und anschließend so vermittelt, dass daraus nachvollziehbare Aussagen über die heutige Marke entstehen.
Internationale Beispiele zeigen, wie unterschiedlich dieses Prinzip umgesetzt werden kann. Levi Strauss & Co. nutzt ein professionelles Unternehmensarchiv nicht nur zur historischen Dokumentation, sondern auch für Design, Marketing, Medienarbeit und den Schutz der eigenen Markenidentität. BMW verbindet Archiv, Museum, historische Fahrzeugsammlung, Community und Dienstleistungen rund um klassische Fahrzeuge zu einem umfassenden Heritage-System. Guinness verknüpft sein Archiv mit einem der bekanntesten Markenerlebnisse Irlands, digitalisiert historische Bestände und macht selbst die Geschichte früherer Mitarbeiter und Gaststätten zugänglich. Bosch betreibt Geschichte als fortlaufendes digitales Content-Thema. Wissenschaftlich untersuchte Unternehmen wie Ducati, Olivetti und Illy wiederum zeigen, dass Heritage je nach Markenstrategie völlig unterschiedliche Aufgaben übernehmen kann.
Diese Beispiele sind besonders interessant, weil sie eine verbreitete Vorstellung widerlegen: Erfolgreiches History Marketing besteht nicht darin, möglichst häufig auf ein hohes Unternehmensalter hinzuweisen. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutung die Vergangenheit für die Gegenwart erhält.
Warum erfolgreiche Unternehmen ihre Geschichte strategisch nutzen
In der wissenschaftlichen Markenforschung wird zwischen der bloßen Existenz einer Unternehmensgeschichte und einer tatsächlich aktivierten Brand Heritage unterschieden. Urde, Greyser und Balmer (2007) beschreiben Brand Heritage als Dimension der Markenidentität, die unter anderem aus einem belegbaren Track Record, Langlebigkeit, langfristigen Kernwerten, Symbolen und insbesondere aus der unternehmensinternen Überzeugung entsteht, dass die eigene Geschichte relevant ist. Ein Unternehmen wird also nicht allein deshalb zu einer Heritage Brand, weil es alt ist. Die historische Substanz muss erkannt, gepflegt und in die Markenführung integriert werden.
Balmer (2013) führt diesen Gedanken mit dem Konzept des Corporate Heritage Marketing weiter. Historisches Erbe kann demnach nicht isoliert als Kommunikationskampagne betrachtet werden. Es kann sich in Produkten, Verhalten, Markenidentität, Gebäuden, Symbolen und zahlreichen weiteren Kontaktpunkten eines Unternehmens manifestieren. History Marketing wird damit zu einer Aufgabe, die Marketing, Kommunikation, Archivwesen, Unternehmensführung und Markenkultur miteinander verbindet.
Besonders interessant ist die zeitliche Perspektive. Balmer und Burghausen (2019) beschreiben Corporate Heritage als „omni-temporal“. Historisches Erbe verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine gute Heritage-Strategie kommuniziert deshalb nicht lediglich, was früher geschehen ist. Sie erklärt, warum bestimmte historische Entwicklungen für die heutige Identität wichtig sind und welche Konsequenzen daraus für die Zukunft entstehen.
Diese theoretische Grundlage lässt sich an konkreten Unternehmen sehr gut beobachten.
Levi Strauss & Co.: Wenn das Unternehmensarchiv zum Werkzeug für Marketing und Produktentwicklung wird
Levi Strauss & Co. gehört zu den interessantesten internationalen Beispielen dafür, wie ein Unternehmensarchiv weit über die Funktion eines historischen Gedächtnisses hinauswachsen kann. Das Unternehmen wurde 1853 in San Francisco gegründet. Zwanzig Jahre später erhielten Levi Strauss und Jacob Davis ein US-Patent für eine Verbesserung von Arbeitshosen durch Metallnieten. Aus diesem Produkt entwickelte sich eine der weltweit bekanntesten Bekleidungsformen: die Blue Jeans (Levi Strauss & Co., o. J.).
Aus Sicht des History Marketings ist allerdings weniger die bekannte Entstehungsgeschichte der Jeans interessant als der institutionelle Umgang des Unternehmens mit der eigenen Vergangenheit.
Das heutige Unternehmensarchiv wurde 1989 unter dem damaligen CEO Bob Haas aufgebaut. Anlass war unter anderem eine fundamentale Schwäche: Ein erheblicher Teil der frühen Unternehmensunterlagen war durch das Erdbeben und die anschließenden Brände von San Francisco im Jahr 1906 verloren gegangen. Das Unternehmen verfügte zwar über zahlreiche überlieferte Geschichten, konnte viele davon jedoch nicht zuverlässig anhand historischer Quellen überprüfen. Mit dem Aufbau eines professionellen Archivs und der Einstellung der ersten Unternehmenshistorikerin Lynn Downey wurde Geschichte systematisch zu einer überprüfbaren Ressource gemacht (Panek, 2019).
Dieses Detail ist für professionelles History Marketing von großer Bedeutung. Geschichte erzeugt ihren Wert nicht automatisch dadurch, dass eine Erzählung häufig wiederholt wurde. Gerade in traditionsreichen Unternehmen entwickeln sich über Jahrzehnte Legenden, vereinfachte Geschichten und manchmal sogar sachlich falsche Gründungsmythen. Levi Strauss & Co. zeigt, warum die historische Faktenprüfung ein elementarer Bestandteil von Heritage Management sein muss.
Die heutige Unternehmenshistorikerin Tracey Panek beschäftigt sich ausdrücklich mit der Überprüfung solcher Erzählungen. Das Unternehmen hat beispielsweise selbst darauf hingewiesen, dass vor Einrichtung des professionellen Archivs verschiedene romantisierte Geschichten über Levi Strauss verbreitet wurden, darunter die Vorstellung, der Gründer sei Schneider gewesen und habe aus Segeltuch Hosen hergestellt. Die Archivarbeit ermöglicht es, solche Geschichten anhand historischer Quellen zu korrigieren (Panek, 2024).
Damit übernimmt das Archiv eine Funktion, die im Zeitalter schnell reproduzierbarer Inhalte noch relevanter wird: Es schafft historische Autorität.
Gleichzeitig wird die Sammlung unmittelbar für das aktuelle Geschäft eingesetzt. Nach Angaben der Society of American Archivists nutzen Marketing- und Werbeabteilungen von Levi Strauss & Co. historische Bilder beispielsweise für Labels, Verkaufsraumgestaltung und Kommunikation. Die Rechtsabteilung greift auf das Archiv zur Unterstützung des Markenschutzes zurück. Gleichzeitig dienen historische Kleidungsstücke und Materialien als Referenz für Produkt- und Innovationsgeschichten (Society of American Archivists, o. J.).
Auch Designer verwenden die historischen Bestände als Inspirationsquelle. Das Archiv ist deshalb nicht nur ein Ort, an dem vergangene Produkte konserviert werden. Historische Formen, Materialien, Details und Produktideen können in neue Kollektionen einfließen. Damit entsteht ein Kreislauf: Die Vergangenheit liefert Inspiration für gegenwärtige Produkte, diese Produkte schreiben die Geschichte der Marke weiter und werden später selbst Teil des Archivs.
Dieses Prinzip zeigt besonders deutlich, was History Marketing strategisch leisten kann. Geschichte wird nicht nur erzählt. Sie beeinflusst Produktentwicklung, visuelle Markenführung, Kommunikation und Markenrecht.
2020 eröffnete Levi Strauss & Co. zusätzlich ein Archiv in London. Die erste internationale Satellitensammlung außerhalb San Franciscos sollte die europäische Geschichte der Marke dokumentieren und sichtbar machen. Auch dies zeigt, dass Heritage nicht zwangsläufig zentralistisch erzählt werden muss. Internationale Unternehmen besitzen häufig unterschiedliche regionale Geschichten, die eigenständig erschlossen werden können (Panek, 2020).
Für andere Unternehmen ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis: Ein Unternehmensarchiv ist keine Endstation historischer Materialien. Richtig organisiert kann es eine interne Content-, Innovations- und Wissensplattform werden.
BMW: Vom Unternehmensarchiv zum gesamten Heritage-Ökosystem
BMW demonstriert eine andere Form des History Marketings. Hier wurde die Unternehmensgeschichte über mehrere miteinander verbundene Kontaktpunkte institutionalisiert.
BMW Group Classic koordiniert seit 1994 die Aktivitäten zur Geschichte der BMW Group und ihrer Marken. Heute gehören dazu unter anderem das BMW Group Archiv, das BMW Museum, eine umfangreiche historische Fahrzeugsammlung sowie Restaurierungs- und Serviceangebote für klassische Fahrzeuge. Das Unternehmen beschreibt BMW Group Classic ausdrücklich als zentrale Institution für die Geschichte von BMW, BMW Motorrad, MINI und Rolls-Royce Motor Cars (BMW Group Classic, o. J.).
Das BMW Group Archiv enthält unter anderem Geschäftsberichte, Werkszeitungen, Fotografien, Filme und umfangreiche technische und historische Informationen zu Produkten. Es steht nicht ausschließlich internen Abteilungen zur Verfügung, sondern auch Journalisten, Autoren und Wissenschaftlern. Das ist aus Sicht des History Marketings bemerkenswert: Historisches Wissen wird nicht vollständig hinter Unternehmensgrenzen eingeschlossen, sondern teilweise als autoritative Informationsquelle für externe Multiplikatoren bereitgestellt (BMW Group Classic, o. J.).
Diese Öffnung kann langfristig zur Deutungshoheit einer Marke beitragen. Wenn Journalisten, Autoren und Wissenschaftler auf strukturierte historische Primärquellen zugreifen können, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmensgeschichte auf der Grundlage dokumentierter Quellen statt über ungesicherte Sekundärerzählungen verbreitet wird.
Das BMW Museum erweitert diesen Ansatz um die räumliche Markeninszenierung. Seit 1973 präsentiert es Unternehmens-, Marken- und Produktgeschichte. Nach einer umfassenden Modernisierung zwischen 2004 und 2008 wurde das Museum neu eröffnet. BMW gibt an, dass seit dieser Wiedereröffnung mehr als fünf Millionen Besucher gezählt wurden (BMW Group Classic, o. J.).
Das Beispiel macht einen wesentlichen Unterschied zwischen einer klassischen Firmenchronik und erlebnisorientiertem History Marketing sichtbar. Ein Museum übersetzt historische Informationen in räumliche Erfahrung. Besucher begegnen Originalfahrzeugen, technischen Entwicklungen, Designgeschichte, Motorsport, Personen und historischen Kontexten physisch. Unternehmensgeschichte wird damit zu einem Markenkontaktpunkt.
Eine wissenschaftliche Untersuchung zu Corporate Museums bestätigt die strategische Bedeutung solcher Einrichtungen. Cerquetti, Montella und Sardanelli (2023) beschreiben Unternehmensmuseen als Instrumente des Heritage Marketings, über die historische Identität gegenüber internen und externen Stakeholdern vermittelt werden kann. Ihre Analyse betont dabei, dass Unternehmensmuseen nicht lediglich Sammlungsorte sind, sondern je nach Eigentümerstruktur und Unternehmensidentität unterschiedliche Werte vermitteln können.
BMW geht noch einen Schritt weiter. Die historische Fahrzeugsammlung umfasst nach Unternehmensangaben rund 1.400 Automobile, Motorräder, Flugzeug- und Bootsmotoren, Rennfahrzeuge und Konzeptfahrzeuge. Das Unternehmen verbindet Geschichte zudem mit Restaurierung, Originalteilen, zertifizierten Partnern und einer internationalen Club-Community. BMW Group Classic spricht von rund 230.000 Mitgliedern in etwa 800 anerkannten BMW Clubs (BMW Group Classic, o. J.).
Damit wird Heritage Teil eines wirtschaftlichen und sozialen Ökosystems. Historische Fahrzeuge erzeugen weiterhin Kundenkontakte, Dienstleistungen, Veranstaltungen und Community-Bindung. Unternehmensgeschichte endet also nicht mit dem Produktionsende eines Modells.
Für History Marketing ist das ein wichtiges Prinzip: Historische Produkte können auch Jahrzehnte nach ihrer Markteinführung aktive Markenträger bleiben.
Guinness: Unternehmensgeschichte als Erlebnis, Archiv und Community-Plattform
Kaum ein Beispiel verdeutlicht die Verbindung aus Archivarbeit, Markeninszenierung und öffentlichem Zugang so anschaulich wie Guinness.
Die Geschichte der Brauerei reicht bis 1759 zurück, als Arthur Guinness den berühmten langfristigen Pachtvertrag für das Gelände am St. James’s Gate in Dublin abschloss. Heute wird diese Geschichte nicht nur in einer klassischen Timeline erzählt, sondern über ein komplexes System aus Archiv, digitalisierten Beständen, Ausstellungen, Geschichten, Podcast-Inhalten und dem Guinness Storehouse als physischem Markenerlebnis vermittelt (Guinness Storehouse, o. J.).
Das Guinness Archive versteht sich selbst als institutionelles Gedächtnis der Marke und des Unternehmens. Es bewahrt unter anderem Brauunterlagen, Handelsbücher, Personalakten, Verpackungen, Flaschen, Dosen, Werbematerialien und weitere Artefakte. Bemerkenswert ist auch der Umfang: Nach Angaben des Archivs würde allein die Papierüberlieferung aneinandergereiht ungefähr sieben Kilometer umfassen. Das Archiv wird von professionellen Archivaren betreut und ausdrücklich als lebendige, weiterwachsende Sammlung verstanden (Guinness Storehouse, o. J.).
History Marketing wird hier nicht lediglich als Blick auf eine abgeschlossene Vergangenheit verstanden. Das Unternehmen archiviert auch die Gegenwart, damit zukünftige Generationen auf heutige Quellen zurückgreifen können. Dieser Gedanke ist für viele Unternehmen relevant, deren aktuelle Kommunikation überwiegend digital stattfindet. Webseiten, Social-Media-Inhalte, digitale Kampagnen, Produktvisualisierungen oder elektronische Dokumente können sehr viel schneller verschwinden als klassische Papierunterlagen. Ein zukunftsfähiges Unternehmensarchiv muss deshalb auch „born digital“ Inhalte berücksichtigen.
Guinness zeigt außerdem, wie Geschichte zur Community-Plattform werden kann. Das Archiv enthält umfangreiche historische Personal- und Handelsunterlagen. Gemeinsam mit Ancestry wurden mehr als 1,6 Millionen historische Datensätze digitalisiert und für genealogische Recherchen zugänglich gemacht. Dazu gehören Informationen zu ehemaligen Beschäftigten, Handelspartnern und weiteren Personen, die mit der Brauerei verbunden waren. Die zugänglichen Bestände reichen teilweise bis ins Jahr 1799 zurück (Guinness Storehouse, o. J.).
Hier verändert sich die Perspektive grundlegend. Die Geschichte gehört nicht mehr ausschließlich dem Unternehmen. Sie wird mit Familien-, Sozial-, Stadt- und Wirtschaftsgeschichte verbunden.
Aus einem ehemaligen Mitarbeiter wird beispielsweise ein Vorfahr, nach dem dessen Nachkommen recherchieren. Aus einem alten Pub wird ein Bestandteil lokaler Geschichte. Die Marke schafft damit Anknüpfungspunkte, die weit über Produktwerbung hinausgehen.
Auch die Werbegeschichte wird systematisch zugänglich gemacht. Guinness hat nach eigenen Angaben 548 Fernsehwerbungen aus dem Zeitraum 1955 bis 1995 katalogisiert, digital gesichert und erstmals als zusammenhängendes historisches Werbeerbe öffentlich erschlossen. Teile dieser Arbeit erfolgten gemeinsam mit dem Irish Film Institute (Guinness Storehouse, o. J.).
Darin liegt eine besonders interessante Chance für Content Marketing. Historische Werbung kann gleichzeitig Marken-, Medien-, Design- und Gesellschaftsgeschichte erzählen. Sie eignet sich für Videos, Social Media, Ausstellungen, Podcasts, journalistische Beiträge und wissenschaftliche Forschung.
Das Guinness-Beispiel zeigt daher eine der weitreichendsten Formen von History Marketing: Das Archiv dient nicht nur dazu, die Vergangenheit des Unternehmens zu belegen. Es erzeugt kontinuierlich neue Gründe, sich mit der Marke zu beschäftigen.
Bosch: Unternehmensgeschichte als dauerhaftes Content-Marketing-Thema
Robert Bosch bietet ein besonders relevantes Beispiel für deutsche Unternehmen und den industriellen Mittelstand.
Das Unternehmen wurde 1886 in Stuttgart als „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ gegründet. Heute integriert Bosch die eigene Geschichte nicht lediglich in eine statische Unternehmenschronik. Auf der internationalen Website existiert ein eigener History Blog, der mehr als 130 Jahre Unternehmensgeschichte kontinuierlich in redaktionelle Geschichten übersetzt (Bosch, o. J.).
Die Themen reichen von der Person Robert Bosch und frühen Produktionsstätten über Produktinnovationen und Internationalisierung bis zur Geschichte einzelner Technologien. Historische Inhalte stehen dabei neben aktuellen Themen wie Forschung, Nachhaltigkeit, Mobilität und künstlicher Intelligenz.
Diese redaktionelle Integration ist für modernes History Marketing besonders interessant. Vergangenheit wird nicht als abgeschlossene Rubrik behandelt, die ausschließlich vor einem Jubiläum aktualisiert wird. Stattdessen wird sie zu einem kontinuierlichen Bestandteil der digitalen Unternehmenskommunikation.
Ein Beispiel ist die Geschichte der ersten Bosch-Fabrik. Der entsprechende Beitrag rekonstruiert, wie aus einer kleinen Werkstatt mit zunehmender Nachfrage ein industriell organisierter Produktionsbetrieb wurde. Die Geschichte verbindet Gebäude, Wachstum, Organisation, Mitarbeiter und technische Entwicklung. Dadurch wird ein historisches Thema gleichzeitig zu einer Erzählung über Unternehmertum und Skalierung (Senger, o. J.).
Andere Beiträge beschäftigen sich mit der Internationalisierung des Unternehmens. Bosch erläutert beispielsweise, wie frühe Auslandsaktivitäten, Produktionsstandorte und später globale Forschungs- und Entwicklungsnetzwerke entstanden. Historische Globalisierung wird dadurch mit der heutigen internationalen Unternehmensstruktur in Beziehung gesetzt (Bosch, o. J.).
Genau darin liegt die Stärke dieser Form des Geschichtsmarketings: Historische Beiträge müssen nicht ausschließlich nostalgisch sein.
Ein B2B-Unternehmen kann Geschichte nutzen, um technologische Kompetenz, Internationalisierung, organisatorisches Lernen, Qualitätsentwicklung oder langfristige Kundenorientierung zu belegen. Für Industrieunternehmen ist das häufig strategisch wertvoller als eine rein emotionale Retrokommunikation.
Bosch formuliert diese Verbindung selbst sehr deutlich: Wer die Zukunft gestalten wolle, müsse die Vergangenheit kennen; die historische Betrachtung solle helfen zu verstehen, was das Unternehmen auszeichnet und wohin die weitere Entwicklung führen könne (Bosch, o. J.).
Das ist nahezu eine praktische Definition des von Balmer und Burghausen beschriebenen omnitemporalen Heritage-Prinzips: Vergangenheit erhält ihren strategischen Wert durch ihre Verbindung mit Gegenwart und Zukunft.
Ducati, Olivetti und Illy: Drei unterschiedliche Strategien für dieselbe Ressource
Eine besonders wertvolle wissenschaftliche Grundlage für die Analyse erfolgreichen History Marketings liefert die Studie von Sacco und Conz (2023). Die Autorinnen untersuchten neun italienische Unternehmen beziehungsweise Marken, darunter Ducati, Fiat, Olivetti, Illy, Amaro Montenegro und Bonomelli. Dafür wurden unter anderem Interviews mit verantwortlichen Managern sowie Unternehmenswebseiten, Social-Media-Inhalte, Museen, Archive, Verpackungen, Publikationen und weitere Kommunikationsmaterialien analysiert.
Das zentrale Ergebnis ist für die Praxis besonders wichtig: Unternehmen nutzen ihre Geschichte nicht alle mit derselben strategischen Logik.
Sacco und Conz unterscheiden drei grundlegende Ansätze: Heritage kann erstens Authentizität unterstützen, zweitens Marktführerschaft beziehungsweise eine besondere Marktposition begründen und drittens Kontinuität zwischen früherer und heutiger Unternehmensidentität vermitteln (Sacco und Conz, 2023).
Ducati gehört in dieser Untersuchung zu den Marken, deren Heritage stark über Produkte und emotionale Markenerlebnisse vermittelt wird. Historische Motorräder, Motorsport, Design und technische Entwicklung schaffen eine Verbindung zwischen Produktgeschichte und gegenwärtiger Markenfaszination. Das Beispiel zeigt, wie historische Produkte als Belege einer markentypischen Kompetenz funktionieren können.
Olivetti stellt einen anderen Fall dar. Das Unternehmen ist historisch eng mit Schreibmaschinen, Design, Büroorganisation und technologischer Innovation verbunden, während sich das heutige Tätigkeitsfeld erheblich verändert hat. Genau deshalb bekommt Heritage eine strategische Aufgabe: Die Vergangenheit kann helfen, trotz veränderter Produkte eine übergeordnete Kontinuität der Unternehmensidentität zu erklären. Sacco und Conz zeigen, dass Olivetti historische Innovationsfähigkeit nutzt, um die Verbindung zwischen früherem industriellen Erfolg und heutiger technologischer Positionierung herzustellen. Gleichzeitig besteht eine kommunikative Herausforderung darin, nicht so stark auf die berühmte Vergangenheit zu fokussieren, dass das heutige Geschäft dahinter verschwindet (Sacco und Conz, 2023).
Illy wiederum verbindet Unternehmensgeschichte eng mit Innovation, Qualität, Design und Kaffeekultur. Heritage bedeutet hier nicht, alte Produkte unverändert fortzuführen. Vielmehr dient die Geschichte als Beleg für eine über Generationen anhaltende Suche nach Verbesserung. Damit wird Tradition nicht als Gegensatz zur Innovation positioniert, sondern als deren historische Grundlage (Sacco und Conz, 2023).
Diese Fälle sind für History Marketing besonders lehrreich. Sie zeigen, warum es keine universelle Standardkampagne geben kann.
Zwei Unternehmen können ähnlich alt sein und trotzdem völlig unterschiedliche Heritage-Strategien benötigen. Bei einem Unternehmen ist handwerkliche Authentizität entscheidend, bei einem zweiten technologische Pionierleistung, bei einem dritten familiäre Kontinuität und bei einem vierten die Fähigkeit, sich über mehrere Marktumbrüche hinweg immer wieder neu zu erfinden.
Die Unternehmensgeschichte muss deshalb zuerst verstanden werden, bevor sie vermarktet wird.
Bushells Tea: Warum Heritage Marketing auch kritisch betrachtet werden muss
Ein weiteres Beispiel aus dem Journal of Historical Research in Marketing zeigt, dass Geschichte nicht automatisch mit historischer Objektivität gleichzusetzen ist.
Khamis (2016) untersuchte die australische Teemarke Bushells und deren Werbung zwischen den frühen 1980er- und frühen 1990er-Jahren. Grundlage der Untersuchung waren unter anderem historische Werbeanzeigen, Fernsehwerbung, Unternehmensmaterialien und interne Dokumente. Die Marke verwendete nostalgische Bilder einer ländlichen australischen Vergangenheit und vermittelte damit Authentizität und nationale Verwurzelung. Gleichzeitig fand diese Kommunikation in einer Phase statt, in der sich Eigentumsstrukturen und wirtschaftliche Globalisierung stark veränderten (Khamis, 2016).
Der Fall verdeutlicht, dass Heritage Marketing nie nur danach beurteilt werden sollte, ob historische Bilder emotional funktionieren.
Entscheidend ist auch, welche Aspekte der Vergangenheit hervorgehoben und welche ausgeblendet werden. Geschichte ist selektiv. Jede Unternehmenschronik, Ausstellung und Kampagne entscheidet, welche Ereignisse sichtbar gemacht werden.
Für professionelles History Marketing entsteht daraus eine Verantwortung: Historische Kommunikation sollte nicht suggerieren, vollständig neutral zu sein, wenn sie strategisch kuratiert wurde.
Gerade deshalb sind seriöse Recherche, Quellenkritik und transparente Kontextualisierung so wichtig.
Was erfolgreiche History-Marketing-Beispiele gemeinsam haben
Trotz der sehr unterschiedlichen Unternehmen zeigen sich mehrere wiederkehrende Muster.
Der erste gemeinsame Faktor ist eine belastbare historische Infrastruktur. Levi Strauss besitzt professionelle Unternehmenshistoriker und Archive. BMW unterhält ein Unternehmensarchiv, eine Sammlung und ein Museum. Guinness beschäftigt ein eigenes Archivteam. Bosch arbeitet kontinuierlich mit historischer Redaktion. Die erfolgreichsten Beispiele behandeln Geschichte also nicht als einmaliges Jubiläumsprojekt, sondern als dauerhaft zu verwaltende Ressource.
Der zweite Faktor ist die Verbindung von Geschichte mit aktuellen Unternehmenszielen. Bei Levi Strauss inspiriert das Archiv Produktgestaltung und Kommunikation. Bei BMW stärkt Heritage die Beziehung zwischen historischen Fahrzeugen, Eigentümern, Clubs und Serviceangeboten. Guinness macht historische Bestände zu einem öffentlichen Erlebnis. Bosch nutzt historische Inhalte, um Themen wie Innovation, Internationalisierung und Unternehmenskultur zu erklären.
Der dritte Faktor ist Originalität im wörtlichen Sinne. Historische Originale spielen eine zentrale Rolle: Fahrzeuge, Kleidungsstücke, Werbemittel, Fotografien, technische Zeichnungen, Personalunterlagen, Verpackungen und Filme. Gerade diese Materialien unterscheiden History Marketing von generischem Storytelling.
Schmidt et al. (2015) kommen in ihrer für die Conference on Historical Analysis and Research in Marketing veröffentlichten Synthese empirischer Studien zu dem Ergebnis, dass Corporate Brand Heritage eine wichtige Grundlage von Markenwissen sein und Wahrnehmung sowie markenbezogenes Verhalten beeinflussen kann. Die Autoren betrachten Brand Heritage deshalb als potenziellen strategischen Erfolgsfaktor der Markenführung.
Das vierte gemeinsame Element ist Kontinuität ohne Stillstand. Erfolgreiche Heritage Brands präsentieren ihre Vergangenheit nicht als Verpflichtung, alles unverändert fortzuführen. Vielmehr zeigen sie, dass bestimmte Kompetenzen, Werte oder Prinzipien unterschiedliche historische Formen annehmen können.
Gerade dieses Prinzip schützt History Marketing vor dem größten strategischen Risiko: dass eine Marke alt statt erfahren wirkt.
History Marketing ist nicht nur für 100 Jahre alte Unternehmen geeignet
Die bekannten Beispiele können den Eindruck erwecken, History Marketing sei ausschließlich für traditionsreiche Großunternehmen geeignet. Die Forschung widerspricht dieser Annahme.
Weatherbee und Sears (2022) untersuchten im Journal of Historical Research in Marketing junge Weingüter in einer noch relativ neuen Weinregion. Die Unternehmen verfügten nicht über jahrhundertelange eigene Firmengeschichten, operierten aber in einer Branche, in der Tradition, Herkunft und historische Kontinuität eine wichtige Rolle spielen. Sie nutzten deshalb regionale Geschichte, Produktionspraktiken, materielle Symbole und andere historische Bezüge, um Legitimität und Authentizität zu vermitteln.
Das bedeutet nicht, dass junge Unternehmen historische Tradition erfinden sollten.
Es zeigt vielmehr, dass History Marketing unterschiedliche historische Ebenen nutzen kann: Unternehmensgeschichte, Markengeschichte, Produktgeschichte, Technologiegeschichte, Familiengeschichte, Standortgeschichte, Branchenentwicklung oder regionale Wirtschaftsgeschichte.
Ein Unternehmen muss deshalb nicht seit 1850 existieren, um historische Inhalte sinnvoll einzusetzen. Entscheidend ist, ob eine reale, belegbare Verbindung zu relevanten historischen Entwicklungen besteht.
Welche Lehren Unternehmen aus diesen Beispielen ziehen können
Die Beispiele von Levi Strauss, BMW, Guinness, Bosch, Ducati, Olivetti und Illy zeigen, dass History Marketing am stärksten wird, wenn Geschichte nicht als Kampagne, sondern als Content- und Wissensinfrastruktur verstanden wird.
Der erste Schritt ist deshalb häufig nicht die Produktion eines Videos oder einer Jubiläumsbroschüre, sondern die Sicherung der Quellen. Unternehmen sollten wissen, welche Dokumente, Fotografien, Produkte, Filme und digitalen Materialien vorhanden sind, wem die Rechte daran gehören und welche historischen Lücken existieren.
Danach muss bewertet werden, welche Teile der Geschichte tatsächlich strategische Bedeutung besitzen.
Ist das Unternehmen durch technische Erfindungen gewachsen? Dann kann Innovationsgeschichte im Mittelpunkt stehen. Ist eine Marke eng mit einem Standort verbunden? Dann können Regional- und Sozialgeschichte relevant werden. Hat ein Familienunternehmen mehrere Generationenwechsel bewältigt? Dann kann Kontinuität ein wichtiges Thema sein. Existieren ikonische historische Produkte? Dann können Produktgeschichte, Design und Neuinterpretationen eine Brücke zur Gegenwart bilden.
Erst aus dieser Analyse sollten Formate entstehen.
Ein Unternehmensarchiv kann beispielsweise Grundlage für eine SEO-optimierte historische Wissensplattform werden. Aus einem Zeitzeugeninterview können ein Podcast, mehrere Social-Media-Beiträge, kurze Videos und interne Schulungsinhalte entstehen. Historische Produktfotografien können Bestandteil einer Ausstellung, eines Newsletters und einer Landingpage sein. Ein Firmenmuseum kann wiederum Events, Pressearbeit, Employer Branding und Kundenprogramme unterstützen.
Damit verändert sich auch die wirtschaftliche Betrachtung historischer Recherche.
Die Kosten einer gründlichen Recherche müssen nicht einem einzigen Jubiläumsbuch zugerechnet werden. Werden Quellen systematisch erschlossen, können aus derselben Recherche über Jahre zahlreiche Inhalte und Kommunikationsmaßnahmen entstehen.
Warum diese Beispiele im Zeitalter generativer KI noch relevanter werden
Die aktuellen Entwicklungen im Content Marketing erhöhen die strategische Bedeutung historischer Originalquellen zusätzlich.
Texte, Bilder und Videos lassen sich mit generativer künstlicher Intelligenz inzwischen in sehr großen Mengen produzieren. Das verbessert Effizienz und eröffnet neue kreative Möglichkeiten. Gleichzeitig wird es für Unternehmen schwieriger, allein über professionell formulierte Texte oder optisch hochwertige Bilder unverwechselbar zu bleiben.
Historische Primärquellen besitzen dagegen eine Eigenschaft, die sich nicht generieren lässt: dokumentarische Herkunft.
Die Jeans aus einem historischen Levi-Strauss-Bestand, ein BMW-Prototyp, ein jahrhundertealtes Guinness-Handelsbuch oder eine originale Bosch-Konstruktionszeichnung existieren unabhängig von ihrer heutigen Kommunikationsverwendung. Sie sind materielle Zeugen eines historischen Vorgangs.
Daraus entsteht ein besonderer Wert für Markenkommunikation.
Unternehmen können ihre Erfahrung nicht nur behaupten, sondern zeigen. Sie können Innovationsfähigkeit über reale Produktentwicklungen dokumentieren. Internationale Erfahrung lässt sich über historische Niederlassungen, Vertriebsunterlagen oder Korrespondenzen nachvollziehen. Unternehmenskultur kann anhand tatsächlicher Entscheidungen und nicht nur anhand aktueller Leitbilder diskutiert werden.
In einer Kommunikationswelt mit immer mehr synthetischem Content kann Provenienz deshalb zu einem Differenzierungsmerkmal werden.
Das heißt nicht, dass historische Kommunikation ohne moderne Technologie auskommen sollte. Im Gegenteil: Digitalisierung, Datenbanken, KI-gestützte Transkription, Übersetzung oder Verschlagwortung können historische Bestände erheblich leichter zugänglich machen.
Entscheidend ist, dass Technologie die Quellen erschließt und nicht ersetzt.
Fazit: Erfolgreiches History Marketing verwandelt Vergangenheit in einen strategischen Markenwert
Die erfolgreichsten Beispiele für History Marketing zeigen keine einheitliche Methode.
Levi Strauss & Co. macht sein Archiv zu einer Ressource für Produktentwicklung, Kommunikation, Markenrecht und historische Faktenprüfung. BMW verbindet Archiv, Museum, Fahrzeugsammlung, Dienstleistungen und Community zu einem umfassenden Heritage-Ökosystem. Guinness verwandelt Unternehmensgeschichte in ein öffentliches Erlebnis und verbindet sie über digitalisierte Personal- und Handelsbestände sogar mit Familien- und Sozialgeschichte. Bosch zeigt, wie Unternehmensgeschichte kontinuierlich als digitaler Content genutzt werden kann. Ducati, Olivetti und Illy belegen, dass Heritage je nach Markenstrategie Authentizität, Marktposition oder Kontinuität unterstützen kann.
Der gemeinsame Nenner liegt deshalb nicht im Alter dieser Unternehmen.
Er liegt darin, dass sie Geschichte als Ressource behandeln.
Professionelles History Marketing recherchiert historische Substanz, sichert Originalquellen, prüft Unternehmensmythen und fragt anschließend, welche Bedeutung diese Vergangenheit für heutige Kunden, Mitarbeiter, Bewerber und andere Stakeholder besitzt.
Das ist auch der entscheidende Unterschied zwischen einer Unternehmenschronik und einer Heritage-Strategie.
Eine Chronik beantwortet vor allem die Frage: Was ist passiert?
History Marketing geht weiter. Es fragt: Warum ist diese Geschichte heute relevant?
Gerade darin liegt der strategische Mehrwert. Produkte verändern sich, Technologien werden ersetzt und Werbekampagnen verschwinden. Eine authentisch dokumentierte Unternehmensgeschichte bleibt dagegen individuell. Kein Wettbewerber kann dieselben Gründer, dieselben Produkte, dieselben Mitarbeiter, dieselben Krisen, dieselben Innovationen und dieselben Entscheidungen rückwirkend besitzen.
Wer diese Geschichte systematisch erforscht und intelligent kommuniziert, verwandelt Vergangenheit deshalb nicht in Nostalgie.
Er verwandelt sie in einen langfristigen Markenwert.
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