Wie Familiengeschichte zum strategischen Wettbewerbsvorteil wird

Manche Unternehmen besitzen etwas, das sich weder entwickeln noch kaufen und auch nicht durch künstliche Intelligenz erzeugen lässt: eine über Generationen gewachsene Verbindung zwischen Familie, Unternehmen, Marke, Mitarbeitern, Produkten und Herkunft. In einem Familienunternehmen kann eine alte Fotografie deshalb mehr sein als ein Dokument aus vergangenen Zeiten. Sie kann einen Gründer zeigen, dessen Nachfahren noch heute Verantwortung tragen. Ein hundert Jahre altes Produkt kann für eine Innovationslinie stehen, die bis in die Gegenwart reicht. Ein Brief aus dem Unternehmensarchiv kann erklären, warum bestimmte Werte entstanden sind. Und ein Firmenjubiläum kann sichtbar machen, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht nur in Quartalen, sondern über Generationen hinweg gedacht werden kann.

Genau hier beginnt History Marketing für Familienunternehmen.

Familienunternehmen verfügen häufig über besonders geeignete Voraussetzungen für Geschichtsmarketing, weil sich ihre Corporate History nicht ausschließlich aus einer Unternehmensgeschichte zusammensetzt. Sie verbindet Unternehmensgeschichte und Familiengeschichte. Eigentum, Führung, Nachfolge, Werte, Krisen, Innovationen und persönliche Biografien können über Generationen miteinander verflochten sein.

Diese Verbindung kann eine außergewöhnliche kommunikative Ressource darstellen.

Aktuelle Forschung bestätigt diese Einschätzung. D’Allura et al. (2025) untersuchen ausdrücklich, wie Familienunternehmen ihre Vergangenheit und ihr Corporate Heritage als Marketing-Signal einsetzen. Die Studie zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen der Präsenz eines Familien-CEO und der Nutzung des historischen Erbes. Dieser Zusammenhang wird wiederum durch die Beteiligung der Familie an der Unternehmensführung und durch die Generation des Unternehmens beeinflusst.

Damit wird wissenschaftlich greifbar, was viele traditionsreiche Familienunternehmen intuitiv bereits praktizieren: Die Vergangenheit kann Bestandteil der Unternehmensidentität und Markenführung sein.

Doch professionelles History Marketing geht weit über den Hinweis „Familienunternehmen seit 1899“ hinaus. Entscheidend ist, die eigene Geschichte wissenschaftlich belastbar zu erforschen, relevante historische Quellen zu sichern und daraus Inhalte zu entwickeln, die für Kunden, Mitarbeiter, Bewerber, Geschäftspartner, Öffentlichkeit und die nächste Generation der Eigentümerfamilie Bedeutung besitzen.

Gerade im Zeitalter generativer KI kann daraus ein Wettbewerbsvorteil entstehen. Denn während Wettbewerber ähnliche Texte, Bilder und Kampagnen produzieren können, bleibt die authentische Geschichte eines Familienunternehmens einzigartig.

Was bedeutet History Marketing für Familienunternehmen?

History Marketing bezeichnet die strategische Nutzung historisch belegbarer Inhalte für Unternehmenskommunikation, Markenführung, Marketing und weitere Kommunikationsziele.

Bei Familienunternehmen kommt eine zusätzliche Ebene hinzu.

Hier können Corporate History und Family History miteinander verbunden sein.

Die Geschichte des Unternehmens lässt sich möglicherweise nicht vollständig erzählen, ohne die Geschichte der Eigentümerfamilie einzubeziehen. Gleichzeitig ist die Familiengeschichte häufig eng mit unternehmerischen Entscheidungen verbunden.

Wer gründete das Unternehmen?

Warum wurde es gegründet?

Wie gelang der Übergang zur nächsten Generation?

Welche Familienmitglieder prägten Innovationen?

Welche Generation erschloss internationale Märkte?

Welche Konflikte mussten gelöst werden?

Welche Werte wurden weitergegeben?

Welche wurden verändert?

Wann wurden erstmals familienfremde Führungskräfte eingesetzt?

Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen Familie, Unternehmen und Mitarbeitern?

Solche Fragen führen weit über eine klassische Chronologie hinaus.

Sie erschließen das Familienunternehmen als historisch gewachsene Organisation.

Familienunternehmen sind für die deutsche Wirtschaft von außergewöhnlicher Bedeutung

Die Relevanz dieses Themas zeigt bereits die wirtschaftliche Struktur Deutschlands.

Nach der 2025 veröffentlichten Untersuchung des ZEW Mannheim für die Stiftung Familienunternehmen sind 88 Prozent der privaten Unternehmen in Deutschland familienkontrolliert. Sie beschäftigen rund 18,3 Millionen Menschen und damit etwa 58 Prozent aller privatwirtschaftlich Beschäftigten. Gleichzeitig erwirtschaften familienkontrollierte Unternehmen rund 46 Prozent des Umsatzes der deutschen Privatwirtschaft (Gottschalk und Holste, 2025).

Auch bei größeren Unternehmen bleibt ihre Bedeutung erheblich. Rund 32 Prozent der Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz sind Familienunternehmen. Die deutsche Wirtschaft unterscheidet sich damit von vielen anderen Industrienationen durch eine große Zahl bedeutender Familienunternehmen (Gottschalk und Holste, 2025).

Diese Zahlen zeigen, dass History Marketing für Familienunternehmen keine kommunikative Nische betrifft.

Es betrifft einen wesentlichen Teil der deutschen Unternehmenslandschaft.

Und gerade dort existieren teilweise historische Ressourcen, die bislang kaum strategisch genutzt werden.

Warum Geschichte bei Familienunternehmen eine besondere Qualität besitzt

Jedes Unternehmen besitzt eine Vergangenheit.

Aber nicht jedes Unternehmen besitzt dieselbe Form historischer Kontinuität.

Bei einem Familienunternehmen kann sich Kontinuität gleichzeitig auf mehrere Ebenen beziehen: Eigentum, Familie, Führung, Werte, Standort, Produkte, Mitarbeiter, Marke und gesellschaftliches Umfeld.

Dadurch entstehen besondere historische Verbindungen.

Ein Geschäftsführer kann beispielsweise nicht nur Vorstand oder CEO sein, sondern Nachfahre des Unternehmensgründers.

Ein Firmengebäude kann nicht nur Hauptsitz sein, sondern der Ort, an dem bereits mehrere Generationen gearbeitet haben.

Ein Produktname kann seit hundert Jahren existieren.

Eine Unternehmensphilosophie kann auf Entscheidungen früherer Generationen zurückgehen.

Genau diese Kombination kann Corporate Heritage hervorbringen.

D’Allura et al. (2025) beschreiben Heritage nicht lediglich als Vergangenheit, sondern als aktive Nutzung und Berücksichtigung der Vergangenheit in Gegenwart und Identität. Ihre Untersuchung zeigt, dass gerade die Einbindung der Familie beeinflusst, wie intensiv Unternehmen Heritage als Marketing-Signal einsetzen.

Für History Marketing ist das zentral.

Die Geschichte wird nicht nur dokumentiert.

Sie wird strategisch aktiviert.

Family Business Branding: Die Familie selbst kann Bestandteil der Marke sein

Die wissenschaftliche Forschung zum Family Business Branding zeigt, warum Familienunternehmen kommunikativ eine besondere Ausgangsposition besitzen.

Binz Astrachan et al. (2018) untersuchten die Forschung zur Markenführung von Familienunternehmen umfassend. Die Autoren beschreiben die Eigenschaft, Familienunternehmen zu sein, als eine besondere Ressource, die für die Marke genutzt werden kann.

Dabei ist ein Aspekt für History Marketing besonders relevant.

Die Familienunternehmensmarke kann schwer imitierbar sein, weil sie auf einer einzigartigen Familiengeschichte, Identität und auf Familienmitgliedern beruht, die bestimmte Werte über längere Zeit verkörpert haben. Solche Geschichten können in den Vorstellungen von Mitarbeitern, Kunden und anderen Stakeholdern verankert sein (Binz Astrachan et al., 2018).

Damit entsteht ein grundlegender Unterschied zu vielen klassischen Markenpositionierungen.

„Qualität“ kann jeder Wettbewerber beanspruchen.

„Innovation“ ebenfalls.

„Verantwortung“ auch.

Die konkrete Geschichte einer Familie und ihres Unternehmens kann dagegen niemand kopieren.

Die Familiengeschichte kann zum Differenzierungsmerkmal werden

Ein Wettbewerber kann eine ähnliche Maschine entwickeln.

Er kann eine vergleichbare Dienstleistung anbieten.

Er kann ähnliche Mitarbeiterbenefits einführen.

Er kann seine Website modernisieren.

Er kann dieselben Social-Media-Plattformen nutzen.

Was er nicht übernehmen kann, sind 120 Jahre authentische Familien- und Unternehmensgeschichte.

Genau daraus kann History Marketing Differenzierung entwickeln.

Das setzt allerdings voraus, dass Geschichte nicht auf Alter reduziert wird.

„Seit 1904“ ist eine Information.

Noch keine Geschichte.

Interessant wird die Aussage erst durch Kontext.

Was geschah 1904?

Wer gründete das Unternehmen?

Warum?

Welche Schwierigkeiten gab es?

Wie entwickelte sich das erste Produkt?

Wie entstand die Marke?

Wie gelang die erste Nachfolge?

Wie überlebte das Unternehmen wirtschaftliche und politische Krisen?

Wie wurde aus einem regionalen Betrieb möglicherweise ein internationaler Anbieter?

Erst diese Zusammenhänge verwandeln Unternehmensalter in historische Bedeutung.

Miele: Zwei Familien und mehr als 125 Jahre Unternehmenskontinuität

Miele ist ein besonders anschauliches deutsches Beispiel.

1899 gründeten der Techniker Carl Miele und der Kaufmann Reinhard Zinkann in Herzebrock ein Unternehmen zur Herstellung von Milchzentrifugen. Der Betrieb begann mit elf Beschäftigten, vier Drehbänken und einer Bohrmaschine (Miele, 2026a).

Aus diesem Unternehmen entwickelte sich ein international tätiger Hersteller von Haus- und Gewerbegeräten.

Für History Marketing ist jedoch nicht nur die lange Unternehmensgeschichte interessant.

Bemerkenswert ist die Eigentumskontinuität.

Miele befindet sich seit der Gründung im Eigentum der Familien Miele und Zinkann. Die Beteiligungsverhältnisse liegen heute bei 51 Prozent für die Familie Miele und 49 Prozent für die Familie Zinkann. Rund 80 Gesellschafter sind direkte Nachfahren der beiden Gründer. Beide Familien sind weiterhin in der operativen Unternehmensführung vertreten (Miele, 2026b).

Damit kann die heutige Familienunternehmensidentität unmittelbar mit der Gründungsgeschichte verbunden werden.

Das ist Corporate Heritage in besonders anschaulicher Form.

„Immer Besser“: Wenn ein historischer Leitgedanke die Gegenwart erreicht

Bei Miele zeigt sich außerdem, wie historische Markenführung funktionieren kann.

Die Gründer verbanden das Unternehmen mit dem Leitmotiv „Immer Besser“. Miele beschreibt diesen Anspruch heute selbst als roten Faden seiner mehr als 125-jährigen Geschichte (Miele, 2026a).

Für History Marketing ist daran weniger der Claim selbst interessant als seine historische Kontinuität.

Ein aktueller Marketing-Slogan kann morgen ausgetauscht werden.

Ein historisch belegbarer Leitgedanke kann dagegen eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Unternehmensgenerationen herstellen.

Er ermöglicht Fragen wie:

Wie wurde „Immer Besser“ 1900 interpretiert?

Was bedeutete Qualität in den 1930er-Jahren?

Wie veränderte sich der Qualitätsbegriff mit Elektronik und Digitalisierung?

Was bedeutet er heute?

Damit wird aus einem historischen Motto ein erzählerischer Rahmen für Unternehmensgeschichte.

Geschichte bedeutet aber nicht nur Kontinuität

Ein häufiger Fehler im History Marketing von Familienunternehmen besteht darin, Geschichte ausschließlich als Beweis unveränderlicher Werte zu verwenden.

Doch erfolgreiche Familienunternehmen sind häufig gerade deshalb alt geworden, weil sie sich verändert haben.

Die Untersuchung von Bennedsen und Henry (2019) über besonders langlebige Familienunternehmen der Hénokiens macht diesen Zusammenhang deutlich.

Die Hénokiens sind eine internationale Vereinigung traditionsreicher Familienunternehmen mit mindestens zweihundertjähriger Geschichte. Aktuell gehören der Vereinigung mehr als fünfzig Unternehmen aus mehreren europäischen Ländern und Japan an. Die Unternehmen zeichnen sich durch außergewöhnliche Langlebigkeit und wiederholte Generationenwechsel aus (Hénokiens, 2026).

Bennedsen und Henry (2019) analysieren diese Unternehmen anhand von fünf zentralen Dimensionen: Familienressourcen, Hindernisse, Nachfolge, Professionalisierung sowie Anpassung und Innovation.

Die zentrale Erkenntnis ist bemerkenswert.

Langlebigkeit entsteht nicht dadurch, dass Unternehmen unverändert bleiben.

Sie entsteht durch die Fähigkeit, bestimmte identitätsstiftende Elemente zu bewahren und gleichzeitig Geschäftsmodelle, Produkte und Führung immer wieder anzupassen.

Tradition und Innovation sind keine Gegensätze

Dieser Zusammenhang ist für History Marketing besonders wichtig.

Tradition wird häufig kommunikativ als Bewahrung dargestellt.

Doch Unternehmensgeschichte kann ebenso Veränderungsfähigkeit beweisen.

Ein Familienunternehmen, das seit 150 Jahren existiert, hat möglicherweise mehrere technologische Revolutionen überstanden.

Es hat Kriege erlebt.

Wirtschaftskrisen.

Währungsreformen.

Globalisierung.

Digitalisierung.

Veränderungen von Kundenbedürfnissen.

Neue Wettbewerber.

Generationenwechsel.

Vielleicht sogar grundlegende Veränderungen seines Geschäftsmodells.

Wenn es heute noch existiert, ist seine Geschichte möglicherweise gerade kein Beleg für Starrheit.

Sie kann ein Beleg für Anpassungsfähigkeit sein.

Bennedsen (2016) weist bei der Analyse besonders langlebiger Familienunternehmen darauf hin, dass Unternehmen über Generationen hinweg gerade durch Transformation und Innovation bestehen können.

History Marketing kann deshalb Tradition neu erzählen:

Nicht „Wir machen seit 150 Jahren dasselbe.“

Sondern:

„Wir entwickeln uns seit 150 Jahren weiter.“

TRUMPF: Von der mechanischen Werkstatt zum Hightech-Unternehmen

TRUMPF illustriert diesen Gedanken besonders gut.

1923 übernahm Christian Trumpf gemeinsam mit zwei Partnern die mechanische Werkstätte der Julius Geiger GmbH in Stuttgart. Zu den frühen Produkten gehörten biegsame Wellen, zunächst für zahnärztliche und drucktechnische Anwendungen. Später wurden sie auch industriell zur Metall- und Holzbearbeitung eingesetzt (TRUMPF, 2026a).

Aus dieser Werkstatt entwickelte sich innerhalb eines Jahrhunderts ein international tätiges Familienunternehmen für Werkzeugmaschinen, Lasertechnik und Elektronik.

Im Geschäftsjahr 2024/25 beschäftigte TRUMPF 18.303 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von rund 4,33 Milliarden Euro. Das Unternehmen bezeichnet sich ausdrücklich als international tätiges Familienunternehmen (TRUMPF, 2026b).

Die historische Entwicklung führt von mechanischen Werkzeugen über numerisch gesteuerte Maschinen und Lasertechnologie bis zu Industrie 4.0, EUV-Technologie und weiteren Hightech-Anwendungen.

Für History Marketing ist diese Entwicklung gerade deshalb interessant, weil Geschichte hier Veränderung sichtbar macht.

Der historische Kern liegt nicht in einem unveränderten Produkt.

Er kann in der Fähigkeit liegen, Technologie immer wieder neu zu denken.

Nachfolge ist eine der stärksten Geschichten von Familienunternehmen

Bei kaum einem anderen Unternehmenstyp besitzt die Frage der Nachfolge eine vergleichbare Bedeutung.

Ein Konzern wechselt den Vorstand.

Ein Familienunternehmen übergibt möglicherweise gleichzeitig Eigentum, Verantwortung, Wissen, Werte und Familienidentität an die nächste Generation.

Dadurch besitzt Nachfolge eine historische Dimension.

Wer übergab an wen?

Wann begann die Vorbereitung?

Welche Konflikte gab es?

Welche Rolle übernahmen Geschwister?

Wann kamen erstmals externe Führungskräfte hinzu?

Welche Werte sollten erhalten bleiben?

Welche Entscheidungen traf die neue Generation anders?

Solche Übergänge gehören zu den wichtigsten Kapiteln einer Familienunternehmensgeschichte.

Sie können zudem für zukünftige Generationen lehrreich sein.

Geschichte wird damit zum institutionellen Gedächtnis der Eigentümerfamilie.

Unternehmensgeschichte kann Wissen für die nächste Generation bewahren

History Marketing besitzt deshalb bei Familienunternehmen eine Funktion, die über externe Kommunikation hinausgeht.

Es kann Wissen innerhalb der Familie sichern.

Ein Familienunternehmen in fünfter Generation verfügt möglicherweise über zahlreiche Geschichten, die nur mündlich weitergegeben werden.

Warum verkaufte die zweite Generation einen bestimmten Geschäftsbereich?

Warum entschied sich die dritte Generation gegen einen Investor?

Wie wurde eine schwere Krise überwunden?

Warum wurde ein Standort nicht geschlossen?

Welche Konflikte begleiteten einen Generationenwechsel?

Wenn dieses Wissen nicht dokumentiert wird, verändert es sich mit jeder Erzählung oder verschwindet vollständig.

Zeitzeugeninterviews mit älteren Familienmitgliedern können deshalb eine strategische historische Quelle darstellen.

Nicht nur für die Öffentlichkeit.

Auch für die Familie selbst.

Familienarchive sind oft verborgene Unternehmensarchive

Eine Besonderheit vieler Familienunternehmen liegt darin, dass historische Quellen nicht ausschließlich im Unternehmensarchiv liegen.

Sie können über Jahrzehnte innerhalb der Familie verteilt worden sein.

Briefe befinden sich möglicherweise im privaten Nachlass eines früheren Geschäftsführers.

Fotografien liegen bei Enkeln des Gründers.

Alte Produktmuster stehen in privaten Räumen.

Tagebücher, Urkunden, Korrespondenz oder Erinnerungsstücke befinden sich auf Dachböden oder in Kellern.

Damit verschwimmt die Grenze zwischen Familienarchiv und Unternehmensarchiv.

Professionelle historische Arbeit sollte deshalb beide Perspektiven berücksichtigen.

Gerade vor einem Firmenjubiläum kann eine systematische Bestandsaufnahme überraschende Quellen hervorbringen.

Unternehmensarchive sind Rohstoff für Content Marketing

Historische Dokumente besitzen heute einen zusätzlichen Wert.

Sie können Ausgangsmaterial für digitalen Content werden.

Ein hundert Jahre alter Produktkatalog kann Grundlage eines LinkedIn-Beitrags sein.

Ein historisches Mitarbeiterfoto kann für Employer Branding genutzt werden.

Eine handschriftliche Gründerkorrespondenz kann Bestandteil einer Jubiläumsausstellung werden.

Ein altes Werbeplakat kann Ausgangspunkt eines Artikels über die Entwicklung der Marke sein.

Ein Zeitzeugeninterview kann zu Podcast, Video und Social-Media-Clip werden.

Ein historischer Prototyp kann in einem Produktfilm Vergangenheit und Gegenwart verbinden.

Dadurch wird das Unternehmensarchiv vom Speicher zum Content-Pool.

Die Familienmarke kann Vertrauen schaffen – aber nicht automatisch

Familienunternehmen werden häufig mit langfristiger Orientierung, persönlicher Verantwortung oder Stabilität verbunden.

Solche Zuschreibungen dürfen jedoch nicht einfach vorausgesetzt werden.

Binz Astrachan et al. (2018) weisen darauf hin, dass Family Business Branding von unterschiedlichen Faktoren abhängt und Familienunternehmen zunächst verstehen müssen, welche Eigenschaften für ihre jeweiligen Stakeholder tatsächlich relevant sind.

Die bloße Tatsache, ein Familienunternehmen zu sein, erzeugt noch keine erfolgreiche Markenpositionierung.

History Marketing muss deshalb konkrete Belege liefern.

Wer langfristige Verantwortung kommunizieren möchte, sollte historische Entscheidungen zeigen.

Wer Qualität beansprucht, sollte Produktgeschichte dokumentieren.

Wer Kundennähe betont, kann historische Kundenbeziehungen untersuchen.

Wer Innovation als Wert nennt, sollte zeigen, wann Innovation tatsächlich stattgefunden hat.

Geschichte macht Markenversprechen überprüfbar.

Familienunternehmen und Employer Branding

Die Familiengeschichte kann auch für Mitarbeiter und Bewerber relevant sein.

Andersen (2020) untersuchte anhand von 19 ausführlichen Mitarbeiterinterviews in einem dänischen Familienunternehmen, welche Bedeutung Heritage Identity für die Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen besitzt.

Die Studie zeigt, dass historisch geprägte Unternehmensidentität eine Ressource für Mitarbeiteridentifikation sein kann.

Gleichzeitig zeigt sie eine wichtige Grenze.

Unterschiedliche Mitarbeitergenerationen interpretieren Geschichte und historische Werte nicht zwangsläufig gleich.

Das ist für Familienunternehmen besonders wichtig.

Ein Eigentümer aus der fünften Generation empfindet eine bestimmte Familientradition möglicherweise als selbstverständlich.

Ein neuer Mitarbeiter besitzt diese emotionale Verbindung nicht.

History Marketing muss deshalb erklären, warum eine Tradition heute noch relevant ist.

Vom Gründerporträt zum Employer Branding

Viele Familienunternehmen besitzen Porträts ihrer Gründer.

Sie hängen im Foyer oder Konferenzraum.

Doch häufig kennen neue Mitarbeiter kaum mehr als den Namen.

History Marketing kann daraus mehr machen.

Wer war diese Person?

Wie führte sie Mitarbeiter?

Welche Entscheidungen traf sie?

Welche Werte waren tatsächlich erkennbar?

Welche Ansichten wären aus heutiger Perspektive problematisch?

Wie veränderten spätere Generationen das Unternehmen?

Dadurch wird Geschichte menschlicher.

Der Gründer wird nicht zur mythischen Figur.

Er wird Teil einer nachvollziehbaren historischen Entwicklung.

Firmenjubiläen sind natürliche Anlässe für History Marketing

Ein 50-, 75-, 100-, 125- oder 150-jähriges Firmenjubiläum ist für Familienunternehmen ein offensichtlicher Kommunikationsanlass.

Doch das Jubiläum sollte nicht erst wenige Monate vor dem Termin beginnen.

Historische Recherche benötigt Zeit.

Archive müssen gesichtet werden.

Zeitzeugen müssen identifiziert werden.

Fotografien müssen datiert werden.

Rechte müssen geklärt werden.

Widersprüche müssen überprüft werden.

Familiennachlässe müssen möglicherweise erschlossen werden.

Erst daraus entsteht belastbarer Content.

Das Ergebnis kann weit über eine Festschrift hinausgehen.

Eine Geschichte – viele Formate

Eine wissenschaftlich recherchierte Unternehmensgeschichte kann als Content-Grundlage für Jahre dienen.

Aus derselben Recherche können eine Firmenchronik, Website, digitale Timeline, Ausstellung, Jubiläumsfilm, Podcast, Social-Media-Serie, Pressearbeit, Mitarbeiterkommunikation, Kundenmagazin oder Employer-Branding-Kampagne entstehen.

Für Familienunternehmen können zusätzlich Formate für die Eigentümerfamilie relevant sein.

Ein digitales Familienarchiv.

Interviews mit unterschiedlichen Generationen.

Eine dokumentierte Nachfolgegeschichte.

Ein Familienbuch.

Oder eine interne Plattform, auf der historische Dokumente für kommende Generationen gesichert werden.

Damit verändert sich die Wirtschaftlichkeit historischer Recherche.

Sie produziert nicht einen Text.

Sie erzeugt einen langfristig nutzbaren Quellen- und Content-Bestand.

Miele zeigt, wie Unternehmensgeschichte systematisch kommuniziert werden kann

Zum 125-jährigen Jubiläum 2024 machte Miele seine Geschichte über verschiedene Formate sichtbar.

Die Unternehmenshistorie wurde nicht auf eine kurze Jubiläumsseite reduziert. Miele dokumentiert seine Entwicklung nach Jahrzehnten, verbindet Produkte, Innovationen, Familie und Unternehmensentwicklung und veröffentlichte zum Jubiläum zusätzlich ein Buch mit 244 Seiten und mehr als 200 Fotografien, darunter zahlreiche zuvor unveröffentlichte Aufnahmen (Miele, 2026a).

Die Geschichte beginnt dabei nicht mit dem heutigen Premium-Hausgerätehersteller.

Sie beginnt mit elf Mitarbeitern und Milchzentrifugen.

Genau dieser Kontrast erzeugt erzählerische Kraft.

Er zeigt Entwicklung.

Merck: Mehr als 350 Jahre Familien- und Unternehmensgeschichte

Noch länger reicht die Geschichte von Merck in Darmstadt zurück.

1668 erhielt Friedrich Jacob Merck das Privileg für eine Apotheke in Darmstadt. Diese Apotheke wurde zum Ursprung des heutigen Wissenschafts- und Technologieunternehmens. Trotz Börsennotierung befindet sich die Mehrheit des Unternehmens bis heute im Besitz der Gründerfamilie (Merck, 2025).

Damit reicht die Verbindung zwischen Familie und Unternehmen über mehr als dreieinhalb Jahrhunderte.

Die Geschichte zeigt zugleich, wie komplex Corporate History sein kann.

Im späten 19. Jahrhundert expandierte Merck international. 1887 wurde eine Niederlassung in New York gegründet. Während des Ersten Weltkriegs wurde das amerikanische Geschäft enteignet; seitdem existieren zwei voneinander unabhängige Unternehmen mit dem Namen Merck (Merck, 2026).

Hier zeigt sich, warum professionelle Unternehmensgeschichte mehr leisten muss als eine Timeline.

Politische Geschichte, Familiengeschichte, Markenrecht, Internationalisierung und Unternehmensentwicklung greifen ineinander.

History Marketing kann Internationalisierung erklären

Gerade international tätige Familienunternehmen besitzen häufig komplexe historische Expansionsgeschichten.

Wann wurde erstmals exportiert?

Wer eröffnete die erste Auslandsniederlassung?

Welche Märkte scheiterten?

Wie wurden Produkte lokal angepasst?

Welche Familienmitglieder lebten zeitweise im Ausland?

Welche Rolle spielten Messen und Vertriebspartner?

Solche Geschichten können heutige Internationalität historisch verankern.

Aus „Wir sind global“ wird:

„Wir erschließen internationale Märkte seit vier Generationen.“

Das ist eine andere kommunikative Qualität.

Regionalität und Herkunft

Familienunternehmen sind häufig eng mit ihrer Herkunftsregion verbunden.

Nach Angaben der Stiftung Familienunternehmen befinden sich 77 Prozent der Familienunternehmen in Deutschland im ländlichen Raum oder in Kleinstädten (Stiftung Familienunternehmen, 2026).

Diese regionale Verwurzelung kann historisch relevant sein.

Unternehmen prägten Orte.

Orte prägten Unternehmen.

Mitarbeiterfamilien arbeiteten möglicherweise über Generationen im selben Betrieb.

Unternehmen unterstützten Vereine, Schulen oder Infrastruktur.

Standorte entwickelten sich gemeinsam mit Unternehmen.

History Marketing kann diese Wechselwirkungen untersuchen.

Dadurch entsteht nicht nur Unternehmensgeschichte.

Es entsteht regionale Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Die Eigentümerfamilie darf nicht zur Heldengeschichte werden

Gerade bei Familienunternehmen besteht allerdings eine besondere Gefahr.

Unternehmensgeschichte kann zur Familienlegende werden.

Der Gründer erscheint dann als genialer Visionär.

Jede Generation traf angeblich die richtigen Entscheidungen.

Krisen wurden stets heldenhaft überwunden.

Mitarbeiter bleiben Randfiguren.

Fehler verschwinden.

Konflikte werden geglättet.

Das ist keine professionelle Unternehmensgeschichte.

Es ist Mythologisierung.

Historisch glaubwürdiges History Marketing muss auch Widersprüche zulassen.

Schwierige Geschichte gehört zur Familiengeschichte

Besonders deutlich wird das bei Unternehmen, die während des Nationalsozialismus bestanden.

Zwei deutsche Familienunternehmen zeigen, warum wissenschaftliche Aufarbeitung unverzichtbar ist.

Miele hat seine Geschichte während des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersuchen lassen. Die Forschung dokumentiert unter anderem die Umstellung von Produktionsbereichen auf Rüstungsgüter und den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Die Ergebnisse wurden 2023 von der Historikerin Andrea Schneider-Braunberger unter dem Titel „Miele im Nationalsozialismus“ veröffentlicht (Miele, 2023).

Auch Bahlsen ließ seine Unternehmens- und Familiengeschichte wissenschaftlich untersuchen.

Die Ergebnisse dokumentieren, dass die damals verantwortlichen Brüder Bahlsen Mitglieder der NSDAP waren und das Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs mehr als 800 ausländische Zwangsarbeiter einsetzte. Das Unternehmen räumt heute ausdrücklich ein, dass Familie und Unternehmen diesen Teil ihrer Geschichte lange nur oberflächlich behandelt hatten (Grieger und Berghoff, 2024; Bahlsen, 2024).

Diese Beispiele sind für History Marketing fundamental.

Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass Geschichte positiv ist.

Glaubwürdigkeit entsteht dadurch, dass Geschichte ehrlich behandelt wird.

Bahlsen zeigt, warum kritische Aufarbeitung Teil moderner Familienidentität sein kann

Die Familie Bahlsen veröffentlichte 2024 eine eigene Stellungnahme zu den Ergebnissen der historischen Forschung.

Darin erklärt sie ausdrücklich, dass ihre Vorgänger vom nationalsozialistischen System profitierten und Menschen, insbesondere Zwangsarbeitern, Unrecht widerfuhr. Gleichzeitig räumt die Familie ein, sich dieser Vergangenheit zu spät gestellt zu haben, und leitet daraus eine Verantwortung für die Gegenwart ab (Familie Bahlsen, 2024).

Für History Marketing ist das ein wichtiges Beispiel.

Corporate Heritage bedeutet nicht, ausschließlich positive Vergangenheit zu bewahren.

Es bedeutet auch, Verantwortung für das gesamte historische Erbe zu übernehmen.

Gerade bei Familienunternehmen kann diese Verantwortung besonders persönlich sein, weil heutige Eigentümer direkte Nachfahren früherer Entscheidungsträger sein können.

Wissenschaftliche Distanz ist deshalb besonders wichtig

Bei Familienunternehmen können Auftraggeber und Untersuchungsgegenstand eng miteinander verbunden sein.

Das Familienmitglied, das eine Firmenchronik beauftragt, ist möglicherweise Enkel der Person, deren Entscheidungen historisch untersucht werden.

Das erzeugt besondere Anforderungen.

Historiker müssen zwischen Erinnerung und Quelle unterscheiden.

Familienüberlieferungen müssen überprüft werden.

Datierungen müssen verifiziert werden.

Erfolgsgeschichten müssen mit externen Quellen abgeglichen werden.

Problematische Kapitel dürfen nicht verschwinden.

Genau deshalb sollte professionelle Unternehmensgeschichte auf wissenschaftlichen Methoden beruhen.

History Marketing ist mehr als Nostalgie

Nostalgie kann emotional wirken.

Aber sie ist nur eine mögliche Form historischer Kommunikation.

History Marketing kann ebenso Innovation, Transformation, Internationalisierung, Krisenbewältigung, Nachfolge, Unternehmertum und gesellschaftliche Verantwortung erzählen.

Für Familienunternehmen ist das besonders wertvoll.

Ihre Geschichte kann zeigen, dass langfristiges Denken und Veränderung keine Gegensätze sind.

Eine Familie kann Werte über Generationen bewahren und gleichzeitig Technologien verändern.

Sie kann Eigentum erhalten und Management professionalisieren.

Sie kann regional verwurzelt bleiben und global expandieren.

Diese Spannungsfelder machen gute Unternehmensgeschichten interessant.

Die Hénokiens zeigen Langlebigkeit als Managementthema

Die internationale Vereinigung Hénokiens macht die Besonderheit extrem langlebiger Familienunternehmen besonders sichtbar.

Ihre Mitglieder müssen mindestens 200 Jahre alt sein und weitere Kriterien familiärer Kontinuität erfüllen. Die Vereinigung zählt heute 56 Mitglieder aus mehreren Ländern (Hénokiens, 2026).

Die Geschichte dieser Unternehmen umfasst Revolutionen, Kriege, wirtschaftliche Krisen, technologische Umbrüche und zahlreiche Generationenwechsel.

Bennedsen und Henry (2019) zeigen anhand dieser Unternehmen, dass Langlebigkeit nicht allein aus Tradition entsteht. Familienressourcen, Nachfolge, Professionalisierung, Innovation und die Fähigkeit zur Bewältigung von Hindernissen spielen gemeinsam eine Rolle.

Das macht die Geschichte langlebiger Familienunternehmen auch strategisch relevant.

Vergangenheit kann Managementwissen enthalten.

Unternehmensgeschichte als strategisches Gedächtnis

Ein gutes Unternehmensarchiv beantwortet nicht nur historische Fragen.

Es kann helfen, strategische Muster zu erkennen.

Welche Internationalisierungen funktionierten?

Wie reagierte das Unternehmen früher auf technologische Umbrüche?

Welche Akquisitionen waren erfolgreich?

Wie wurden Krisen bewältigt?

Welche Generation brachte besonders tiefgreifende Veränderungen?

Wann entstanden zentrale Markenwerte?

History Marketing ist nicht automatisch Unternehmensstrategie.

Aber professionelle historische Forschung kann Wissen sichtbar machen, das strategische Diskussionen bereichert.

Die nächste Generation als Zielgruppe

Bei Familienunternehmen existiert eine Zielgruppe, die andere Unternehmen kaum besitzen:

die nächste Eigentümergeneration.

Kinder und Enkel wachsen möglicherweise mit dem Familiennamen auf, kennen die Unternehmensgeschichte aber nur fragmentarisch.

Ein professionell aufgebautes Familien- und Unternehmensarchiv kann deshalb auch Teil der Eigentümerbildung werden.

Historische Dokumente, Interviews und multimediale Inhalte können erklären, woher das Unternehmen kommt.

Dabei sollte Geschichte nicht dazu dienen, die nächste Generation moralisch zur Unternehmensnachfolge zu verpflichten.

Sie sollte Wissen bereitstellen.

Was daraus entsteht, entscheidet die nächste Generation selbst.

Geschichte und Nachfolgekommunikation

Auch gegenüber Mitarbeitern und Kunden kann ein Generationenwechsel kommunikativ sensibel sein.

Wenn eine langjährige Unternehmerpersönlichkeit zurücktritt, stellt sich die Frage nach Kontinuität.

History Marketing kann den Übergang kontextualisieren.

Welche Generationenwechsel gab es bereits?

Was blieb bestehen?

Was änderte sich?

Welche Verantwortung übernimmt die neue Generation?

Damit wird Nachfolge nicht als isoliertes Ereignis kommuniziert.

Sie erscheint als weiteres Kapitel einer längeren Entwicklung.

History Marketing im B2B

Gerade viele deutsche Familienunternehmen arbeiten im B2B-Bereich.

Dort wird historische Kommunikation häufig unterschätzt.

Dabei kann eine lange Unternehmensgeschichte Vertrauen schaffen, wenn sie mit konkreter Kompetenzentwicklung verbunden wird.

Ein Maschinenbauer kann zeigen, wie sich seine Fertigungstechnologie über hundert Jahre entwickelte.

Ein Chemieunternehmen kann Forschungstraditionen dokumentieren.

Ein Logistikunternehmen kann zeigen, wie es Verkehrs- und Lieferkettenveränderungen über Jahrzehnte bewältigte.

Ein IT-Unternehmen mit kürzerer Geschichte kann technologische Entwicklung dokumentieren.

Entscheidend ist nicht das Alter.

Entscheidend ist die historische Relevanz.

Auch jüngere Familienunternehmen können History Marketing nutzen

Die Forschung im Journal of Historical Research in Marketing zeigt sogar, dass historische Positionierung nicht ausschließlich alten Unternehmen vorbehalten ist.

Weatherbee und Sears (2022) untersuchten, wie junge kleine und mittlere Unternehmen in einem Umfeld, in dem Langlebigkeit einen hohen Wert besitzt, Geschichte in ihrer Marketingkommunikation einsetzen. Anhand von Weingütern zeigen die Autoren, dass auch jüngere Unternehmen historische Bezüge strategisch nutzen können.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Geschichte erfunden werden darf.

Ein junges Familienunternehmen besitzt vielleicht keine hundertjährige Unternehmensgeschichte.

Aber möglicherweise existieren Familientraditionen, regionales Wissen, handwerkliche Vorgeschichte oder eine Gründungsgeschichte, die relevant sind.

Authentizität bleibt entscheidend.

Geschichte im Zeitalter generativer KI

Der strategische Wert authentischer Geschichte könnte durch generative KI weiter steigen.

Unternehmen können heute innerhalb weniger Minuten Texte erstellen.

Bilder generieren.

Videos produzieren.

Claims entwickeln.

Social-Media-Beiträge erstellen.

Damit wird professionelle Content-Produktion leichter zugänglich.

Gleichzeitig wächst die Gefahr der Austauschbarkeit.

Historische Originalquellen besitzen eine andere Qualität.

Der Brief des Gründers ist real.

Die Fotografie der ersten Werkstatt ist real.

Der Produktkatalog von 1927 ist real.

Das Interview mit der 93-jährigen ehemaligen Mitarbeiterin dokumentiert eine reale Erinnerung.

Der Prototyp im Unternehmensarchiv ist real.

Diese Materialien können digitalisiert, analysiert und kommunikativ aufbereitet werden.

Ihre Herkunft kann KI aber nicht erzeugen.

Authentizität wird zum knappen Gut

Je mehr synthetische Inhalte entstehen, desto wichtiger kann Provenienz werden.

Woher stammt eine Information?

Wer hat sie erstellt?

Wann entstand ein Bild?

Ist ein Dokument authentisch?

Kann eine Geschichte belegt werden?

Familienunternehmen verfügen hier über einen potenziellen Vorteil.

Ihre Archive enthalten Originale.

Ihre Familien besitzen Erinnerungen.

Ihre Produkte hinterlassen materielle Spuren.

Ihre Geschichte existiert unabhängig von einer aktuellen Kampagne.

History Marketing kann diese Authentizität sichtbar machen.

Warum History Marketing für Familienunternehmen besonders langfristig gedacht werden sollte

Eine klassische Kampagne besitzt einen Start- und Endtermin.

Unternehmensgeschichte nicht.

Deshalb sollte History Marketing als langfristige Infrastruktur verstanden werden.

Zunächst können Quellen gesammelt und digitalisiert werden.

Danach entsteht eine strukturierte Chronologie.

Zeitzeugen werden interviewt.

Historische Themen werden wissenschaftlich recherchiert.

Rechte werden dokumentiert.

Metadaten werden vergeben.

Darauf baut ein Content-System auf.

Ein Jubiläum ist dann nicht der Beginn der historischen Arbeit.

Es ist nur ein Anlass, bereits vorhandenes Wissen sichtbar zu machen.

Warum die History Marketing Agentur der geeignete Ansprechpartner für Familienunternehmen ist

History Marketing für Familienunternehmen verlangt eine besondere Verbindung unterschiedlicher Disziplinen. Historische Recherche allein reicht nicht aus. Ebenso wenig genügt klassische Marketingkommunikation.

Die entscheidende Aufgabe besteht darin, wissenschaftlich belastbare Unternehmens- und Familiengeschichte zu recherchieren und daraus strategisch relevante Inhalte für Markenführung und Kommunikation zu entwickeln.

Genau an dieser Schnittstelle arbeitet die History Marketing Agentur.

Wir unterstützen Familienunternehmen bei der Recherche und Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte, beim Aufbau und der Strukturierung von Unternehmensarchiven, bei der Vorbereitung und Durchführung von Zeitzeugeninterviews und bei der Entwicklung historischer Kommunikationskonzepte.

Dabei können sowohl Unternehmensquellen als auch Familienbestände berücksichtigt werden. Alte Fotografien, Geschäftsberichte, Produktkataloge, Werbung, Korrespondenzen, Mitarbeiterzeitungen, historische Produkte und persönliche Erinnerungen werden nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren historischen Kontext eingeordnet.

Auf dieser Grundlage können Firmenchroniken, Jubiläumsbücher, historische Websites, digitale Timelines, Social-Media-Serien, Podcasts, Videos, Ausstellungen, Employer-Branding-Inhalte oder interne Formate für Mitarbeiter und Eigentümerfamilie entstehen.

Der entscheidende Unterschied zu einer klassischen Kommunikationsagentur liegt im historischen Ausgangspunkt.

Wir entwickeln nicht zuerst eine Marketingbotschaft und suchen anschließend eine passende Geschichte.

Wir recherchieren zunächst die Geschichte.

Aus den belastbaren historischen Erkenntnissen entsteht anschließend die Kommunikation.

Gerade für Familienunternehmen ist diese Vorgehensweise wichtig, weil Familiengeschichte persönliche, sensible und teilweise konfliktbehaftete Themen enthalten kann. Wo erforderlich, sollte die historische und kommunikative Arbeit durch spezialisierte juristische Beratung ergänzt werden, etwa bei Persönlichkeitsrechten, Datenschutz, Urheberrecht, Nachlässen oder komplexen Nutzungsrechten.

Fazit: Familiengeschichte kann zu einer der wertvollsten Markenressourcen werden

Familienunternehmen besitzen eine besondere Form von Geschichte.

Ihre Vergangenheit besteht nicht ausschließlich aus Produkten, Umsätzen und Geschäftsentscheidungen.

Sie besteht aus Menschen und Generationen.

Aus Gründern und Nachfolgern.

Aus Familien und Mitarbeitern.

Aus Innovation und Tradition.

Aus Erfolg und Fehlentscheidungen.

Aus Kontinuität und Veränderung.

Genau diese Verbindung macht History Marketing für Familienunternehmen besonders interessant.

Die Forschung bestätigt zunehmend, dass Familie, Heritage und Markenführung eng miteinander verbunden sein können. Binz Astrachan et al. (2018) zeigen, dass die Familienidentität eines Unternehmens eine besondere, schwer imitierbare Markenressource darstellen kann. D’Allura et al. (2025) weisen empirisch nach, dass Familieneinfluss mit der Nutzung von Corporate Heritage als Marketing-Signal zusammenhängt. Andersen (2020) zeigt wiederum, dass Heritage Identity auch für die Identifikation von Mitarbeitern relevant sein kann.

Die Beispiele Miele, Merck, TRUMPF und Bahlsen zeigen unterschiedliche Dimensionen dieses Potenzials.

Miele demonstriert langfristige Eigentums- und Führungskontinuität zweier Familien.

Merck zeigt, wie eine Familienunternehmensgeschichte über mehr als 350 Jahre mit wissenschaftlicher und internationaler Unternehmensentwicklung verbunden sein kann.

TRUMPF zeigt, dass Tradition gerade durch technologische Transformation fortbestehen kann.

Bahlsen verdeutlicht schließlich eine andere, ebenso wichtige Dimension: Historische Verantwortung bedeutet auch, schwierige Kapitel wissenschaftlich aufzuarbeiten und transparent zu kommunizieren.

Daraus ergibt sich eine zentrale Erkenntnis.

Gutes History Marketing erzählt nicht, dass früher alles besser war.

Es erklärt, wie ein Unternehmen zu dem wurde, was es heute ist.

Für Familienunternehmen kommt eine zweite Frage hinzu:

Wie haben unterschiedliche Generationen dazu beigetragen?

Wer diese Geschichte professionell recherchiert, sichert deshalb nicht nur Vergangenheit.

Er schafft einen Bestand authentischer Inhalte, der für Marke, Kommunikation, Recruiting, Mitarbeiterbindung, Nachfolge, Firmenjubiläen und zukünftige Generationen genutzt werden kann.

Im Zeitalter generativer KI besitzt diese Ressource eine zusätzliche Qualität.

Künstliche Intelligenz kann einen Text über eine fiktive hundertjährige Unternehmensgeschichte erzeugen.

Sie kann historische Bilder imitieren.

Sie kann sogar einen vermeintlich historischen Film produzieren.

Was sie nicht erzeugen kann, ist eine tatsächlich gelebte Vergangenheit.

Sie kann keinen authentischen Gründerbrief aus dem Jahr 1899 nachträglich entstehen lassen.

Sie kann keine reale Erinnerung eines ehemaligen Mitarbeiters ersetzen.

Sie kann keine fünf Generationen unternehmerischer Entscheidungen erzeugen, die tatsächlich stattgefunden haben.

Für Familienunternehmen liegt deshalb möglicherweise eine ihrer stärksten zukünftigen Kommunikationsressourcen ausgerechnet in ihrer Vergangenheit.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

„Wie alt ist unser Unternehmen?“

Sondern:

„Welche Geschichten, Werte, Entscheidungen und Erfahrungen haben unsere Familie und unser Unternehmen über Generationen geprägt – und warum sind sie für Menschen heute noch relevant?“

Wer diese Frage fundiert beantworten kann, besitzt mehr als eine Unternehmenschronik.

Er besitzt eine Geschichte, die kein Wettbewerber kopieren kann.

Literaturverzeichnis

Andersen, M.A. (2020) ‚Times are changing: the role of heritage identity on employee identification in a Danish family-owned company‘, Corporate Communications: An International Journal, 25(3), pp. 477-494. doi: 10.1108/CCIJ-04-2020-0076.

Bahlsen (2024) ‚Erkenntnisse der Autoren: Die Geschichte des Hauses Bahlsen‘. Hannover: Bahlsen GmbH & Co. KG.

Bennedsen, M. (2016) ‚Long-Lasting Family Firms Transform in Times of Hardship‘. Fontainebleau: INSEAD Knowledge.

Bennedsen, M. and Henry, B. (2019) ‚16,000 Years of Family Business: The Leadership Model of the Hénokiens‘. Fontainebleau: INSEAD.

Binz Astrachan, C., Botero, I., Astrachan, J.H. and Prügl, R. (2018) ‚Branding the family firm: A review, integrative framework proposal, and research agenda‘, Journal of Family Business Strategy, 9(1), pp. 3-15. doi: 10.1016/j.jfbs.2018.01.002.

D’Allura, G.M., Quarato, F., Dagnino, G.B. and Merlo, E. (2025) ‚Detecting the key role of the family in explaining corporate heritage use in family firms‘, Journal of Management & Governance, 29(3), pp. 635-667. doi: 10.1007/s10997-024-09709-9.

Familie Bahlsen (2024) ‚Stellungnahme der Familie zur Historie‘. Hannover: Bahlsen GmbH & Co. KG.

Gottschalk, S. and Holste, L. (2025) Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienunternehmen. 7. Auflage. München: Stiftung Familienunternehmen / ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

Grieger, M. and Berghoff, H. (2024) Die Geschichte des Hauses Bahlsen. Hannover: Bahlsen / Wallstein Verlag.

Hénokiens (2026) ‚About Hénokiens: International Association of Bicentenary Family Companies‘. Paris: Association les Hénokiens.

Jones, D.G.B. and Tadajewski, M. (eds.) (2016) The Routledge Companion to Marketing History. Abingdon: Routledge.

Merck (2025) ‚Annual General Meeting 2025: Company profile and history‘. Darmstadt: Merck KGaA.

Merck (2026) ‚Our name and brand: Our story goes back to 1668‘. Darmstadt: Merck KGaA.

Miele (2023) ‚Miele im Nationalsozialismus‘. Gütersloh: Miele & Cie. KG.

Miele (2026a) ‚Miele Historie: Qualität seit 1899‘. Gütersloh: Miele & Cie. KG.

Miele (2026b) ‚Management: Kontinuität in der Führung‘. Gütersloh: Miele & Cie. KG.

Stiftung Familienunternehmen (2026) ‚So prägen Familienunternehmen den Standort Deutschland‘. München: Stiftung Familienunternehmen und Politik.

TRUMPF (2026a) ‚TRUMPF Historie: Von der Werkstatt zum globalen Hightech-Unternehmen‘. Ditzingen: TRUMPF SE + Co. KG.

TRUMPF (2026b) ‚Unternehmensprofil: Zahlen und Fakten‘. Ditzingen: TRUMPF SE + Co. KG.

Weatherbee, T. and Sears, D. (2022) ‚(En)act your age! Marketing and the marketization of history in young SMEs‘, Journal of Historical Research in Marketing, 14(1), pp. 66-89. doi: 10.1108/JHRM-10-2020-0051.