Verantwortung statt Verdrängung

Unternehmensgeschichte besteht selten ausschließlich aus Erfolgen. Wer lange genug am Markt besteht, dessen Vergangenheit kann neben Innovationen, Wachstum und unternehmerischen Leistungen auch Krisen, Fehlentscheidungen, gesellschaftliche Konflikte oder schweres historisches Unrecht umfassen. Besonders deutlich wird dies bei Unternehmen, deren Geschichte in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Zwangsarbeit, Rüstungsproduktion, Enteignungen, sogenannte Arisierungen und wirtschaftliche Verflechtungen mit dem NS-Regime gehören bei zahlreichen deutschen Unternehmen zur historischen Realität.

Doch kritische Unternehmensgeschichte beginnt und endet nicht 1945. Koloniale Verflechtungen, Diskriminierung, Umweltverschmutzung, problematische Arbeitsbedingungen, Korruption, Kartellverstöße, politische Zusammenarbeit mit autoritären Regimen oder schwerwiegende unternehmerische Fehlentscheidungen können ebenfalls Bestandteil einer Firmengeschichte sein.

Für History Marketing entsteht daraus eine zentrale Frage: Wie kann ein Unternehmen seine Geschichte strategisch nutzen, ohne unangenehme Kapitel auszublenden, zu beschönigen oder für Marketingzwecke zu instrumentalisieren?

Die Antwort lautet zunächst: Professionelles History Marketing darf Unternehmensgeschichte nicht in gute und schlechte Inhalte sortieren und nur die angenehmen Teile veröffentlichen. Wer historische Glaubwürdigkeit beansprucht, muss bereit sein, sich auch mit Widersprüchen auseinanderzusetzen.

Gerade darin kann eine besondere Stärke liegen.

Eine wissenschaftlich fundierte und transparente Auseinandersetzung mit kritischen Kapiteln kann zeigen, dass ein Unternehmen seine Vergangenheit nicht als dekorative Kulisse betrachtet, sondern historische Verantwortung ernst nimmt. Unternehmensgeschichte wird dadurch mehr als Storytelling. Sie wird Teil von Unternehmenskultur, gesellschaftlicher Verantwortung und langfristiger Reputation.

Warum kritische Firmengeschichte heute relevant ist

Die Digitalisierung hat den Umgang mit Unternehmensgeschichte grundlegend verändert. Historische Informationen, die früher möglicherweise nur in Archiven, wissenschaftlichen Publikationen oder alten Zeitungsbeständen zugänglich waren, können heute innerhalb kurzer Zeit recherchiert und weltweit verbreitet werden.

Hinzu kommen digitalisierte Zeitungsarchive, Bibliotheksbestände, Handelsregister, Unternehmensarchive, genealogische Quellen, wissenschaftliche Datenbanken, Fotografien und historische Dokumente. Suchmaschinen und KI-basierte Antwortsysteme erleichtern den Zugang zusätzlich.

Für Unternehmen bedeutet das: Historische Widersprüche zwischen eigener Kommunikation und wissenschaftlich belegbaren Tatsachen können langfristig kaum kontrolliert werden.

Eine Unternehmenswebsite, die hundert Jahre Firmengeschichte ausschließlich als ununterbrochene Erfolgsgeschichte erzählt, obwohl wissenschaftliche Veröffentlichungen beispielsweise Zwangsarbeit oder die Beteiligung an Enteignungen dokumentieren, erzeugt deshalb ein Reputationsrisiko.

Das Problem ist dann nicht allein die historische Tatsache.

Zusätzlich entsteht die Frage, warum sie verschwiegen wurde.

Public-History-Untersuchungen deutscher Unternehmenswebsites haben genau dieses Spannungsfeld beschrieben. Unternehmen bewegen sich bei der Darstellung ihrer Vergangenheit zwischen sachlicher Chronologie und einer teilweise mythologisierenden Verwendung von Geschichte für Branding und Storytelling. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus wurde in Unternehmensdarstellungen historisch häufig verkürzt oder vor allem aus der Perspektive der Schwierigkeiten dargestellt, die Krieg und politische Rahmenbedingungen für das Unternehmen verursachten, während eigene Verflechtungen und Verantwortung wesentlich weniger deutlich benannt wurden (Decker, 2018).

Professionelles History Marketing sollte diesen Fehler vermeiden.

Kritische Unternehmensgeschichte ist mehr als Krisenkommunikation

Kritische Firmengeschichte darf nicht erst dann untersucht werden, wenn Journalisten Fragen stellen oder ein Jubiläum unmittelbar bevorsteht.

Historische Aufarbeitung unterscheidet sich grundlegend von klassischer Krisenkommunikation.

Krisenkommunikation reagiert häufig auf ein gegenwärtiges Ereignis. Historische Forschung rekonstruiert dagegen vergangene Prozesse auf Grundlage von Quellen und ordnet Entscheidungen in ihren jeweiligen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext ein.

Das erfordert Zeit.

Archive müssen erschlossen werden. Quellen müssen gegeneinander geprüft werden. Unternehmensinterne Dokumente müssen mit externen Quellen verglichen werden. Aussagen von Zeitzeugen müssen eingeordnet werden. Wissenschaftliche Forschung muss berücksichtigt werden.

Gerade bei sensiblen Themen ist die Versuchung groß, zuerst die gewünschte Kommunikationsbotschaft zu definieren und anschließend nach passenden historischen Belegen zu suchen.

Historisch seriös ist das Gegenteil.

Zuerst kommt die Forschung.

Dann die Interpretation.

Erst danach folgt die Kommunikation.

Unternehmensgeschichte darf keine nachträgliche Imagebroschüre sein

Eine Firmenchronik, Jubiläumswebsite oder historische Ausstellung kann schnell zum Instrument der Selbstbestätigung werden.

Gründer werden zu Visionären.

Wachstum wird zum Beweis unternehmerischer Weitsicht.

Krisen werden zu Bewährungsproben.

Fehler werden zu Lernmomenten.

Aus heutiger Perspektive scheint die Unternehmensentwicklung dann fast zwangsläufig auf den heutigen Erfolg hinauszulaufen.

Historiker bezeichnen eine solche rückwärtsgerichtete Interpretation häufig kritisch als teleologische Geschichtsschreibung: Vergangene Ereignisse werden so erzählt, als hätten sie zwangsläufig zum heutigen Zustand führen müssen.

Tatsächliche Geschichte ist komplexer.

Unternehmen treffen Fehlentscheidungen.

Produkte scheitern.

Führungskräfte handeln opportunistisch.

Menschen werden benachteiligt.

Unternehmen profitieren von politischen Systemen.

Strategien funktionieren manchmal eher aufgrund günstiger Rahmenbedingungen als aufgrund besonderer Weitsicht.

Professionelle Unternehmensgeschichte muss diese Ambivalenz aushalten.

Der Unterschied zwischen Unternehmensgeschichte und Corporate Heritage

Gerade beim Umgang mit kritischen Kapiteln ist die Unterscheidung zwischen Corporate History und Corporate Heritage wichtig.

Corporate History umfasst grundsätzlich die Vergangenheit eines Unternehmens. Corporate Heritage bezeichnet dagegen jene Elemente der Vergangenheit, denen in Gegenwart und Zukunft besondere Bedeutung für Identität und Marke zugeschrieben wird.

Urde, Greyser und Balmer (2007) beschreiben Corporate Heritage unter anderem über Track Record, Langlebigkeit, Kernwerte und Symbole. Geschichte kann einer Marke dadurch Kontinuität und historische Tiefe verleihen.

Doch genau daraus entsteht Verantwortung.

Wenn ein Unternehmen positive Elemente seiner Vergangenheit strategisch nutzt, kann es problematische Elemente derselben Vergangenheit nicht beliebig ausblenden.

Wer den Gründer von 1900 als Beleg für heutige Werte präsentiert, muss sich gegebenenfalls auch mit dessen Handlungen beschäftigen, die heutigen Werten widersprechen.

Wer jahrzehntelange Tradition als Vertrauensargument verwendet, übernimmt kommunikativ auch Verantwortung für die historische Gesamterzählung.

Heritage ist deshalb kein Buffet, aus dem nur positive Episoden ausgewählt werden sollten.

Welche kritischen Kapitel können Unternehmensgeschichten enthalten?

Die Bandbreite ist erheblich.

Bei deutschen und europäischen Unternehmen steht häufig die Zeit des Nationalsozialismus im Mittelpunkt. Abhängig von Unternehmen und Branche können dabei Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Beschäftigung von KZ-Häftlingen, sogenannte Arisierungen, wirtschaftliche Profite aus Verfolgung und Enteignung, politische Unterstützung des Regimes oder die Beteiligung an dessen Kriegswirtschaft relevant sein.

Bei Unternehmen mit internationaler Geschichte können koloniale Strukturen, Handel unter kolonialen Machtverhältnissen, Ausbeutung oder rassistische Darstellungen eine Rolle spielen.

Für jüngere Jahrzehnte kommen andere Themen hinzu: Umweltbelastungen, gesundheitsschädliche Produkte, Diskriminierung, problematische Lieferketten, Korruption, Kartelle, politische Verflechtungen, Menschenrechtsverletzungen oder gravierende Arbeitskonflikte.

Nicht jedes kritische Ereignis besitzt dieselbe moralische oder historische Dimension. Eine gescheiterte Produkteinführung darf selbstverständlich nicht auf dieselbe Ebene wie Zwangsarbeit oder Verfolgung gestellt werden.

Gerade deshalb benötigt historische Kommunikation Differenzierung.

Der erste Schritt ist nicht Kommunikation, sondern Quellenarbeit

Wer ein kritisches Kapitel aufarbeiten möchte, sollte zunächst klären, welche Quellen existieren.

Das eigene Unternehmensarchiv ist dabei nur ein Ausgangspunkt.

Geschäftsberichte, Vorstandsprotokolle, Korrespondenzen, Personalunterlagen, Verträge, Rechnungen, Fotografien, Baupläne, Werbematerialien, Produktkataloge und interne Publikationen können wichtige Informationen liefern.

Bei kritischen Themen reicht das jedoch häufig nicht.

Unternehmenseigene Quellen zeigen zunächst die Perspektive des Unternehmens.

Deshalb müssen externe Archive und Überlieferungen hinzukommen.

Bundes-, Landes- und Kommunalarchive können relevante Bestände besitzen. Wirtschaftsarchive, Gewerkschaftsarchive, Gerichtsakten, Wiedergutmachungsakten, historische Zeitungen, Branchenzeitschriften und Nachlässe können zusätzliche Perspektiven eröffnen.

Bei der Geschichte von Verfolgung und Zwangsarbeit sind insbesondere Quellen wichtig, die nicht ausschließlich von den handelnden Unternehmen oder Institutionen produziert wurden.

Die Perspektive der Betroffenen gehört zur Geschichte.

Quellenkritik entscheidet über die Qualität

Ein Dokument ist nicht automatisch wahr, nur weil es alt ist.

Historische Quellen müssen hinsichtlich Urheber, Entstehungszeitpunkt, Zweck, Adressat und Kontext untersucht werden.

Ein Geschäftsbericht möchte ein Unternehmen anders darstellen als ein internes Vorstandsprotokoll.

Eine Werbeanzeige verfolgt andere Ziele als eine behördliche Akte.

Eine nach Jahrzehnten niedergeschriebene Erinnerung kann wertvolle persönliche Erfahrungen enthalten, aber durch spätere Erfahrungen beeinflusst sein.

Zeitzeugeninterviews sind deshalb keine Ersatzquellen für fehlende Dokumente. Sie sind eigenständige Quellen mit besonderen Stärken und Grenzen.

Die Aufgabe historischer Forschung besteht darin, unterschiedliche Quellen miteinander in Beziehung zu setzen.

Unabhängigkeit ist bei kritischen Themen entscheidend

Je schwerwiegender ein historisches Thema ist, desto problematischer wäre eine Untersuchung, deren Ergebnis bereits vor Beginn feststeht.

Unternehmen sollten deshalb bei gravierenden historischen Fragestellungen wissenschaftliche Unabhängigkeit ermöglichen.

Das bedeutet insbesondere Zugang zu relevanten Quellen, Freiheit bei der Interpretation und die Möglichkeit, auch Ergebnisse zu veröffentlichen, die für das Unternehmen unangenehm sind.

Bertelsmann liefert hierfür ein wichtiges Beispiel.

Nachdem die Darstellung der eigenen Geschichte während des Nationalsozialismus öffentlich in die Kritik geraten war, setzte Bertelsmann 1999 eine unabhängige Historische Kommission unter Leitung des Historikers Saul Friedländer ein. Die Wissenschaftler erhielten nach Angaben des Unternehmens uneingeschränkten Zugang zu relevanten Unternehmensunterlagen sowie Unabhängigkeit bei Forschung und Veröffentlichung. 2002 legte die Kommission ihre Ergebnisse vor. Bertelsmann erklärt heute selbst, dass damit eine zuvor unvollständige und irreführende Darstellung der eigenen Geschichte korrigiert wurde (Bertelsmann, 2026).

Dieser Punkt ist bemerkenswert.

Glaubwürdige Aufarbeitung besteht nicht darin, frühere Kommunikation zu verteidigen.

Sie kann bedeuten, sie ausdrücklich zu korrigieren.

Volkswagen: vom Unternehmensarchiv zur Erinnerungsstätte

Volkswagen zeigt, wie historische Aufarbeitung unterschiedliche Formate miteinander verbinden kann.

Die Volkswagenwerk GmbH wurde 1937 von der Deutschen Arbeitsfront gegründet. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde das Unternehmen in die deutsche Rüstungswirtschaft eingebunden. Nach Unternehmensangaben mussten bis 1945 rund 20.000 Menschen aus besetzten oder vom Deutschen Reich dominierten europäischen Ländern im Volkswagenwerk Zwangsarbeit leisten; darunter befanden sich etwa 5.000 KZ-Häftlinge (Volkswagen, 2026a).

Seit Mitte der 1980er-Jahre setzte bei Volkswagen eine intensivere Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ein.

1999 eröffnete auf dem Werksgelände in Wolfsburg die „Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Volkswagenwerks“. Sie befindet sich in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Dokumente, Fotografien, Aussagen von Betroffenen und historische Objekte vermitteln dort die Dimension der Zwangsarbeit und die Einbindung des damaligen Unternehmens in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft (Volkswagen, 2026b).

Besonders wichtig ist die Einbindung von Zeitzeugen.

Geschichte wird dadurch nicht ausschließlich aus institutioneller Perspektive erzählt.

Menschen, die von der Unternehmens- und Kriegsgeschichte unmittelbar betroffen waren, erhalten eine Stimme.

Erinnerung ist keine einmalige Veröffentlichung

Das Volkswagen-Beispiel zeigt außerdem, dass Aufarbeitung nicht mit einem Buch oder einer Ausstellung abgeschlossen sein muss.

Das Unternehmen verbindet Archivarbeit, Publikationen, Erinnerungsstätte, Zeitzeugenprojekte, Veranstaltungen und digitale Kommunikation miteinander.

Das ist ein wichtiger Grundsatz für History Marketing.

Historische Verantwortung sollte nicht ausschließlich zum hundertjährigen Jubiläum sichtbar werden und anschließend wieder von der Website verschwinden.

Wenn ein Thema für die Identität und Verantwortung eines Unternehmens relevant ist, benötigt es langfristige Verankerung.

BMW: Verantwortung ausdrücklich benennen

Auch BMW dokumentiert heute die eigene Rolle während des Nationalsozialismus deutlich.

Das Unternehmen entwickelte sich während der NS-Zeit zu einem bedeutenden Rüstungsunternehmen. Flugmotoren bildeten einen wesentlichen Teil des Geschäfts. Im Krieg setzte BMW Zwangsarbeiter sowie KZ-Häftlinge ein. Ende 1944 arbeiteten nach Unternehmensangaben rund 29.000 Zwangsarbeiter für BMW und stellten mehr als die Hälfte der Belegschaft (BMW Group, 2026).

Bemerkenswert ist die heutige Sprache der Unternehmensdarstellung.

BMW beschreibt nicht lediglich, dass Zwangsarbeit „stattfand“. Das Unternehmen benennt Verantwortung und Schuld ausdrücklich.

Gleichzeitig dokumentiert BMW, dass die Auseinandersetzung nicht unmittelbar nach 1945 erfolgte. Nach eigener Darstellung verdrängte das Unternehmen wie viele andere deutsche Firmen lange seine Verantwortung. Eine intensivere Beschäftigung begann erst in den 1980er-Jahren; später wurden unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen unterstützt (BMW Group, 2026).

Auch diese Geschichte der Aufarbeitung selbst gehört zur Unternehmensgeschichte.

Warum auch das lange Schweigen dokumentiert werden sollte

Eine häufig übersehene Frage lautet:

Wann begann ein Unternehmen eigentlich, über seine problematische Vergangenheit zu sprechen?

Die Zeit zwischen dem historischen Ereignis und seiner späteren Aufarbeitung kann selbst aufschlussreich sein.

Was wurde nach 1945 kommuniziert?

Welche Narrative entstanden?

Welche Personen blieben im Unternehmen?

Welche Informationen waren bekannt?

Wann kamen erste kritische Fragen auf?

Wer stellte sie?

Wie reagierte das Management?

Wann wurden Archive geöffnet?

Wann wurden wissenschaftliche Untersuchungen beauftragt?

Damit entsteht eine zweite historische Ebene: die Geschichte des Erinnerns und Vergessens.

Foster et al. (2020) verstehen organisatorisches Erinnern entsprechend nicht als statischen Speicher, sondern als fortlaufenden Prozess. Unternehmenshistoriker und Archivare wirken daran mit, langfristige organisatorische Erinnerung zu erhalten, neu zu interpretieren und für Gegenwart und Zukunft zugänglich zu machen.

Deutsche Bank: Forschung kann neue Erkenntnisse hervorbringen

Die Geschichte der Deutschen Bank zeigt, warum eine offene Untersuchung nicht vollständig planbar ist.

Seit 1988 bildete die NS-Zeit einen Forschungsschwerpunkt des Historischen Instituts der Bank. Harold James veröffentlichte 1995 eine Darstellung der Jahre 1933 bis 1945. 1997 wurde zusätzlich eine unabhängige Historikerkommission eingesetzt.

Während der Forschungsarbeiten wurden 1999 Kreditunterlagen der Filiale Kattowitz entdeckt, die belegten, dass die Bank Bauleistungen in Auschwitz finanziert hatte (Deutsche Bank, 2026).

Dieses Beispiel verdeutlicht einen fundamentalen Unterschied zwischen historischer Forschung und klassischer Kommunikationsplanung.

Forschung kann Ergebnisse hervorbringen, die zu Projektbeginn niemand kennt.

Wer wissenschaftliche Aufarbeitung beauftragt, muss deshalb bereit sein, mit neuen und möglicherweise belastenden Erkenntnissen umzugehen.

Andernfalls handelt es sich nicht um unabhängige Forschung.

Bertelsmann: Korrektur kann glaubwürdiger sein als Beharren

Besonders lehrreich ist Bertelsmann auch aus kommunikativer Perspektive.

Eine Unternehmensgeschichte kann sich als falsch, verkürzt oder irreführend erweisen.

Dann entsteht die Frage, ob ein Unternehmen an der bisherigen Darstellung festhält oder sie korrigiert.

Bertelsmann entschied sich nach der unabhängigen Untersuchung für eine offizielle Korrektur. Die Ergebnisse der Historikerkommission wurden als maßgebliche Darstellung der Unternehmensgeschichte während des Dritten Reiches anerkannt. Die im Rahmen der Untersuchung zusammengetragenen Unterlagen bildeten zudem eine Grundlage für das Unternehmensarchiv (Bertelsmann, 2026).

Für History Marketing ergibt sich daraus eine wichtige Regel:

Eine transparente Korrektur historischer Kommunikation ist kein Scheitern.

Problematischer wäre es, eine widerlegte Erzählung aus Angst vor Reputationsverlust weiterzuführen.

Hertie: Auch die Vorgeschichte heutiger Institutionen zählt

Kritische Geschichte betrifft nicht nur Unternehmen, die in ihrer damaligen Form bis heute fortbestehen.

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung ließ beispielsweise die Geschichte des Warenhauskonzerns Hermann Tietz während des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersuchen. Johannes Bähr und Ingo Köhler rekonstruierten dabei die Verdrängung der jüdischen Eigentümerfamilie Tietz/Zwillenberg und die sogenannte Arisierung des Warenhauskonzerns sowie die späteren Restitutionsverfahren (Bähr und Köhler, 2023).

Der Fall zeigt, dass historische Verantwortung komplexe institutionelle Kontinuitäten umfassen kann.

Markennamen, Vermögen, Unternehmen, Stiftungen und Rechtsnachfolger können unterschiedliche Beziehungen zu einer historischen Organisation besitzen.

Deshalb sollte vor jeder Aussage über Verantwortung zunächst genau geklärt werden, welche institutionellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Kontinuitäten tatsächlich bestehen.

Historische Verantwortung und heutige rechtliche Haftung sind nicht automatisch identisch.

Miele: Auch Familienunternehmen müssen kritische Fragen stellen

2020 beauftragten die Eigentümerfamilien Miele und Zinkann eine wissenschaftliche Untersuchung der Unternehmensgeschichte während der NS-Zeit.

Bekannt war bereits, dass Miele Rüstungsgüter für die Wehrmacht hergestellt sowie Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt hatte. Umfang, Bedingungen und konkrete Zusammenhänge waren jedoch teilweise noch nicht umfassend untersucht worden (Miele, 2023).

Das Beispiel ist besonders für Familienunternehmen relevant.

Dort können Unternehmensgeschichte, Familiengeschichte und Markenidentität eng miteinander verbunden sein.

Kritische Forschung kann deshalb emotional schwieriger sein als in Unternehmen mit häufig wechselnden Eigentümern.

Gerade dann ist externe wissenschaftliche Distanz wertvoll.

Ein Firmenjubiläum kann der Anlass sein, aber nicht die Grenze

Jubiläen führen häufig dazu, dass Unternehmen erstmals systematisch in ihre Vergangenheit schauen.

Das kann sinnvoll sein.

Problematisch wird es, wenn ein Jubiläumsprojekt von Beginn an ausschließlich auf Feierlichkeit ausgerichtet ist.

Wintershall ließ anlässlich des 125-jährigen Unternehmensjubiläums die Rolle des Unternehmens während des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersuchen. Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte und externe Wirtschaftshistoriker analysierten dafür unter anderem Unternehmensführung, Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit und recherchierten in zahlreichen nationalen und internationalen Archiven (Grieger, Karlsch und Köhler, 2020).

Die Untersuchung wurde anschließend fortgesetzt und auf die Vorgängergesellschaft DEA erweitert.

Das Beispiel zeigt:

Ein Jubiläum kann nicht nur Anlass zum Feiern sein.

Es kann Anlass zur Forschung sein.

Was Unternehmen bei kritischen Kapiteln vermeiden sollten

Die problematischste Strategie ist vollständiges Verschweigen.

Fast ebenso problematisch ist eine sprachliche Verharmlosung.

Formulierungen wie „schwierige Zeiten“, „bewegte Jahre“ oder „Herausforderungen während des Krieges“ können historische Verantwortung verschleiern, wenn tatsächlich Zwangsarbeit, Enteignung oder aktive Beteiligung an einem Unrechtssystem gemeint sind.

Auch Passivformulierungen können Verantwortung unsichtbar machen.

„Im Werk wurden Zwangsarbeiter eingesetzt“ klingt anders als:

„Das Unternehmen setzte Zwangsarbeiter ein.“

Historische Genauigkeit verlangt, handelnde Akteure soweit anhand der Quellen möglich zu benennen.

Kein Purpose Washing mit Geschichte

Eine weitere Gefahr besteht darin, historische Opfer für heutige Markenbotschaften zu instrumentalisieren.

Ein Unternehmen sollte aus Zwangsarbeit, Verfolgung oder Diskriminierung keine emotionale Kampagne machen, deren primäres Ziel Reichweite, Leads oder Markenpräferenz ist.

Das bedeutet nicht, dass solche Themen von der Unternehmenswebsite oder aus der Unternehmenskommunikation verschwinden sollten.

Im Gegenteil.

Sie benötigen Sichtbarkeit.

Aber Tonalität, Kontext und Zweck unterscheiden sich grundlegend von einer klassischen Marketingkampagne.

Erinnerungsarbeit darf Bestandteil verantwortungsvoller Unternehmenskommunikation sein.

Sie sollte jedoch nicht zur Verkaufsförderung degradiert werden.

History Marketing benötigt deshalb ethische Grenzen

Marketing und Geschichte verfolgen teilweise unterschiedliche Logiken.

Marketing möchte Aufmerksamkeit erzeugen, Komplexität reduzieren und Botschaften verständlich machen.

Geschichtswissenschaft möchte differenzieren, Kontext herstellen, Unsicherheiten sichtbar machen und Quellen kritisch prüfen.

Professionelles History Marketing muss beide Perspektiven verbinden, ohne historische Genauigkeit der Werbewirkung unterzuordnen.

Gerade kritische Kapitel zeigen, warum diese Verbindung notwendig ist.

Nicht jede historisch korrekte Information eignet sich für einen Werbeslogan.

Nicht jede komplexe Entwicklung lässt sich auf fünf Wörter reduzieren.

Nicht jede Geschichte braucht einen positiven Schluss.

Was tun, wenn die Quellenlage unsicher ist?

Historische Forschung liefert nicht immer eindeutige Antworten.

Dokumente können vernichtet worden sein.

Archive können Lücken besitzen.

Zeitzeugen können widersprüchliche Erinnerungen haben.

Begriffe können sich verändert haben.

Unternehmen können durch Fusionen oder Eigentümerwechsel komplizierte historische Strukturen besitzen.

Seriöse Kommunikation sollte solche Unsicherheiten kenntlich machen.

„Nach aktuellem Forschungsstand“ ist manchmal die historisch präzisere Formulierung.

Ebenso:

„Die vorhandenen Quellen lassen keine abschließende Beurteilung zu.“

Unsicherheit zu benennen schwächt wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nicht.

Vorgetäuschte Gewissheit tut es.

Die Perspektive der Betroffenen muss berücksichtigt werden

Unternehmensgeschichte wurde traditionell häufig aus Sicht von Eigentümern, Vorständen und Produkten erzählt.

Bei kritischen Kapiteln reicht das nicht.

Zwangsarbeiter, enteignete Eigentümer, diskriminierte Mitarbeiter, lokale Bevölkerungsgruppen oder andere Betroffene besitzen eigene historische Perspektiven.

Diese können durch Briefe, Interviews, Entschädigungsakten, Fotografien, Gerichtsunterlagen oder andere Quellen dokumentiert sein.

Volkswagens Erinnerungsstätte zeigt beispielhaft, wie Zeitzeugenberichte neben Unternehmensdokumenten eingesetzt werden können.

Dadurch verändert sich die Erzählperspektive.

Menschen werden nicht zu abstrakten Zahlen.

Historische Fotografien brauchen Kontext

Ein Foto einer Fabrik aus dem Jahr 1943 kann auf den ersten Blick wie ein neutrales historisches Industriebild wirken.

Doch wer arbeitete dort?

Was wurde produziert?

Unter welchen Bedingungen?

Wer fotografierte?

Warum entstand das Bild?

Wurde es möglicherweise für Propaganda produziert?

Bilder besitzen ebenso wie Texte einen Entstehungskontext.

Gerade bei kritischer Unternehmensgeschichte dürfen historische Fotografien deshalb nicht ausschließlich als dekorative Elemente eingesetzt werden.

Bildunterschriften können ein wichtiges Instrument historischer Einordnung sein.

Unternehmensarchive sind Infrastruktur für Verantwortung

Das Unternehmensarchiv ist nicht nur eine Sammlung alter Gegenstände.

Es kann institutionelles Gedächtnis sein.

Volkswagen verwahrt nach eigenen Angaben in seinem Konzernarchiv fast zehn Kilometer Akten sowie mehr als eine Million Fotografien, Tausende Filme, zahlreiche Publikationen, Zeichnungen und digitale Daten. Das Archiv dient nicht nur der historischen Forschung, sondern auch der rechtlichen Authentifizierung und der Beantwortung von Fragen zur Geschichte des Unternehmens, seiner Produkte, Werke und Beschäftigten (Volkswagen, 2026a).

Für kleinere und mittelständische Unternehmen müssen Archive selbstverständlich nicht solche Dimensionen besitzen.

Das Prinzip bleibt jedoch dasselbe.

Wer heute Dokumente systematisch erhält, schafft die Quellenbasis für die Forschung von morgen.

Geschichte darf sich verändern, wenn neue Quellen auftauchen

Eine Unternehmenschronik ist kein endgültiges Urteil.

Neue Archive werden geöffnet.

Dokumente werden digitalisiert.

Nachlässe werden entdeckt.

Zeitzeugen melden sich.

Wissenschaftliche Fragestellungen verändern sich.

Deshalb kann eine Unternehmensgeschichte nach zwanzig Jahren ergänzt oder korrigiert werden.

Das ist kein Qualitätsmangel.

Es entspricht wissenschaftlichem Arbeiten.

Die Frage sollte deshalb nicht lauten:

„Wie können wir unsere Geschichte ein für alle Mal festschreiben?“

Sondern:

„Wie schaffen wir Strukturen, durch die unser Wissen über die eigene Geschichte weiterentwickelt werden kann?“

Von der Aufarbeitung zur Unternehmenskultur

Der größte Nutzen kritischer Unternehmensgeschichte entsteht möglicherweise nicht in der externen Kommunikation.

Er kann innerhalb des Unternehmens liegen.

Mitarbeiter verstehen, woher bestimmte Strukturen stammen.

Führungskräfte lernen historische Entscheidungen kennen.

Unternehmenswerte können anhand realer Vergangenheit diskutiert werden.

Compliance-Schulungen erhalten historischen Kontext.

Onboarding kann neben Erfolgsgeschichten auch Verantwortung vermitteln.

Führungskräfteentwicklung kann historische Dilemmata aufgreifen.

Damit wird Geschichte zum Reflexionsraum.

Die Frage lautet nicht nur:

„Was haben unsere Vorgänger getan?“

Sondern:

„Was bedeutet dieses Wissen für unser heutiges Handeln?“

Von „Nie wieder“ zu konkreter Verantwortung

Besonders bei NS-Geschichte darf der Bezug zur Gegenwart nicht beliebig konstruiert werden.

Es ist legitim, aus historischer Verantwortung Konsequenzen für Menschenrechte, Demokratie, Vielfalt und Antidiskriminierung abzuleiten.

Dieser Bezug sollte jedoch konkret und glaubwürdig sein.

Volkswagen beschreibt Erinnerungsarbeit heute als Bestandteil seiner Unternehmenskultur und verbindet die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte mit Verantwortung gegen Diskriminierung und für Vielfalt und Chancengleichheit (Volkswagen, 2026a).

Entscheidend ist, dass gegenwärtiges Verhalten zur historischen Botschaft passt.

Wer aus seiner Vergangenheit öffentlich Verantwortung ableitet, muss sich an diesem Anspruch messen lassen.

Kritische Geschichte kann Vertrauen stärken, aber das darf nicht ihr primäres Ziel sein

Aus Marketingperspektive stellt sich zwangsläufig die Frage, ob transparente Aufarbeitung Vertrauen oder Reputation stärken kann.

Das ist möglich.

Ein Unternehmen, das Fehler und historische Verantwortung offenlegt, kann glaubwürdiger wirken als eines, das ausschließlich Erfolge präsentiert.

Doch hier ist Vorsicht notwendig.

Historisches Unrecht sollte nicht deshalb aufgearbeitet werden, weil eine Marketinganalyse einen positiven Reputationseffekt prognostiziert.

Die Reihenfolge muss umgekehrt sein.

Aufarbeitung erfolgt aus historischer und gesellschaftlicher Verantwortung.

Wenn daraus langfristig Vertrauen entsteht, ist dies eine mögliche Folge.

Nicht der eigentliche Zweck.

Kritische Kapitel und SEO

Auch für Suchmaschinen besitzt transparente Unternehmensgeschichte Bedeutung.

Menschen suchen nicht ausschließlich nach positiven Unternehmensinformationen.

Suchanfragen können Unternehmensnamen mit Begriffen wie „Geschichte“, „Nationalsozialismus“, „Zwangsarbeit“, „Arisierung“, „Kolonialismus“, „Skandal“, „Gründer“ oder „Zweiter Weltkrieg“ kombinieren.

Wenn ein Unternehmen zu solchen Themen selbst fundierte, quellenbasierte Informationen veröffentlicht, schafft es eine belastbare Informationsquelle.

Das bedeutet nicht, Suchergebnisse manipulieren zu wollen.

Im Gegenteil.

Die beste SEO-Strategie bei historisch kritischen Themen besteht darin, möglichst gute Informationen bereitzustellen.

Daten.

Quellen.

Kontext.

Autoren.

Literatur.

Dokumente.

Chronologien.

Forschungsergebnisse.

Gerade für Suchmaschinen und KI-basierte Antwortsysteme sind solche strukturierten Informationen wertvoll.

KI erhöht die Anforderungen an historische Genauigkeit

Generative Suchsysteme können Informationen aus unterschiedlichen Quellen miteinander verbinden.

Eine beschönigende Unternehmenschronik steht damit potenziell neben wissenschaftlicher Literatur, Archivinformationen und journalistischen Recherchen.

Widersprüche werden sichtbarer.

Das macht quellenbasierte Unternehmensgeschichte strategisch wichtiger.

Unternehmen sollten deshalb historische Inhalte so veröffentlichen, dass zentrale Tatsachen eindeutig formuliert und Quellen nachvollziehbar sind.

Wer war beteiligt?

Wann geschah etwas?

Welche Quelle belegt es?

Welche Fragen sind ungeklärt?

Welche Forschung existiert?

Diese Struktur hilft Menschen und maschinellen Informationssystemen gleichermaßen.

Die Aufarbeitung selbst kann Teil der Geschichte werden

Ein Unternehmen besitzt nicht nur eine Geschichte.

Es besitzt auch eine Geschichte seines Umgangs mit Geschichte.

Wann wurde das erste Archiv gegründet?

Wann erschien die erste Firmenchronik?

Welche Themen fehlten darin?

Wann entstanden wissenschaftliche Untersuchungen?

Wann wurden Fehler korrigiert?

Wann wurden Betroffene einbezogen?

Wann entstanden Erinnerungsorte?

Diese Metaebene ist besonders interessant, weil sie zeigt, wie sich gesellschaftliche Werte und historische Erkenntnisse verändern.

Die kritische Unternehmensgeschichte endet deshalb nicht beim historischen Ereignis.

Sie reicht bis in die Gegenwart.

Ein verantwortungsvoller Prozess für Unternehmen

Aus den untersuchten Beispielen lässt sich ein sinnvoller Ablauf ableiten.

Zunächst sollte die Quellenlage ohne vorgegebenes kommunikatives Ergebnis geprüft werden. Danach muss entschieden werden, ob interne Recherche ausreicht oder unabhängige Fachhistoriker beziehungsweise wissenschaftliche Institutionen einbezogen werden müssen.

Bei schwerwiegenden Themen ist externe Expertise besonders wichtig.

Anschließend werden Quellen erschlossen, Betroffenenperspektiven gesucht und vorhandene Forschung ausgewertet. Erst wenn die historische Grundlage belastbar ist, sollte ein Kommunikationskonzept entstehen.

Dabei müssen Zielgruppen und Formate getrennt betrachtet werden.

Eine wissenschaftliche Studie erfüllt eine andere Funktion als eine Website.

Eine Erinnerungsstätte eine andere als Social Media.

Eine Mitarbeiterveranstaltung eine andere als eine Firmenchronik.

Alle Formate sollten jedoch auf derselben belastbaren historischen Grundlage beruhen.

Warum History Marketing gerade bei kritischen Kapiteln professionelle Unterstützung benötigt

Die History Marketing Agentur verbindet historische Recherche mit moderner Unternehmenskommunikation. Gerade bei sensiblen Themen ist diese Schnittstelle entscheidend.

Wir können Unternehmen zunächst dabei unterstützen, historische Bestände zu identifizieren, vorhandene Unternehmensarchive zu strukturieren, externe Quellen und Archive zu recherchieren, relevante wissenschaftliche Literatur zu erschließen und Zeitzeugenprojekte vorzubereiten.

Darauf aufbauend können historische Inhalte für unterschiedliche Kommunikationsformate entwickelt werden: Unternehmenswebsites, Firmenchroniken, digitale Timelines, Ausstellungen, Podcasts, Videos, Social-Media-Formate, interne Kommunikation, Jubiläumsprojekte oder digitale Firmenmuseen.

Bei kritischen Kapiteln gilt jedoch eine klare Grenze: History Marketing darf wissenschaftliche Unabhängigkeit nicht ersetzen.

Wenn es beispielsweise um NS-Verstrickungen, Zwangsarbeit, Enteignungen, koloniale Zusammenhänge oder andere schwerwiegende historische Fragen geht, sollte die Agentur je nach Projekt mit unabhängigen Fachhistorikern, Archiven, wissenschaftlichen Institutionen und bei rechtlichen Fragen mit spezialisierten Juristen zusammenarbeiten.

Unsere Aufgabe besteht dann nicht darin, schwierige Ergebnisse kommunikativ „schöner“ zu machen.

Die Aufgabe besteht darin, wissenschaftlich belastbare Ergebnisse verständlich, angemessen und transparent zugänglich zu machen.

Gerade diese Trennung schafft Glaubwürdigkeit.

Fazit: Glaubwürdige Unternehmensgeschichte braucht auch die unbequemen Seiten

Unternehmen können ihre Vergangenheit nicht verändern.

Sie können aber entscheiden, wie sie heute mit ihr umgehen.

Sie können schweigen.

Sie können relativieren.

Sie können ausschließlich Erfolge präsentieren.

Oder sie können recherchieren, dokumentieren, erklären und Verantwortung übernehmen.

Die Beispiele von Volkswagen, BMW, Deutsche Bank, Bertelsmann, Hertie, Miele und Wintershall zeigen unterschiedliche Wege und Zeitpunkte historischer Aufarbeitung. Gemeinsam ist vielen dieser Fälle, dass eine umfassendere Auseinandersetzung erst Jahrzehnte nach den historischen Ereignissen begann.

Das sollte heutigen Unternehmen eine Lehre sein.

Historische Verantwortung wird durch Zeit nicht automatisch bedeutungslos.

Im Gegenteil: Fehlende Aufarbeitung kann selbst Teil der späteren Geschichte werden.

Für History Marketing folgt daraus ein grundlegender Anspruch.

Unternehmensgeschichte darf nicht nur dann erzählt werden, wenn sie der Marke schmeichelt.

Wer mit Tradition wirbt, muss auch mit den Widersprüchen dieser Tradition umgehen können.

Wer historische Authentizität beansprucht, benötigt Quellen.

Wer Vertrauen schaffen möchte, darf bekannte Tatsachen nicht verschweigen.

Und wer aus Geschichte Werte für die Gegenwart ableitet, muss bereit sein, auch historische Situationen zu untersuchen, in denen das Unternehmen diesen Werten nicht entsprochen hat.

Genau darin unterscheidet sich professionelle historische Kommunikation von nostalgischem Storytelling.

Eine glaubwürdige Firmengeschichte sagt nicht:

„Wir haben schon immer alles richtig gemacht.“

Eine glaubwürdige Firmengeschichte zeigt:

„Das ist unsere Geschichte. Das sind ihre Leistungen. Das sind ihre Widersprüche. Das sind die Menschen, die von ihr betroffen waren. Das wissen wir aufgrund der vorhandenen Quellen. Das wissen wir noch nicht. Und daraus ergibt sich für uns Verantwortung.“

Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und nahezu unbegrenzt reproduzierbarem Marketing-Content gewinnt diese Form der Authentizität zusätzlich an Bedeutung.

Eine historische Quelle lässt sich nicht durch einen Prompt ersetzen.

Ein Originaldokument besitzt eine Herkunft.

Ein Zeitzeuge besitzt eine Erfahrung.

Ein Unternehmensarchiv besitzt einen gewachsenen Bestand.

Eine wissenschaftliche Untersuchung besitzt Methodik und Quellenkritik.

Und ein Unternehmen besitzt nur eine tatsächliche Vergangenheit.

Professionelles History Marketing sollte deshalb nicht versuchen, diese Vergangenheit zur perfekten Geschichte umzuschreiben.

Seine Aufgabe ist anspruchsvoller:

Es muss helfen, sie zu verstehen.

Und sie so zu erzählen, dass auch die schwierigen Kapitel ihren angemessenen Platz erhalten.

Literaturverzeichnis

Bähr, J. und Köhler, I. (2023) Verfolgt, „arisiert“, wiedergutgemacht? Wie aus dem Warenhauskonzern Hermann Tietz Hertie wurde. München: C.H. Beck.

Bertelsmann (2026) Review of Our Corporate History: Bertelsmann During the National Socialist Era. Gütersloh: Bertelsmann SE & Co. KGaA. Abgerufen am 1. Oktober 2026.

BMW Group (2026) BMW während der Zeit des Nationalsozialismus. München: BMW Group. Abgerufen am 1. Oktober 2026.

Decker, S. (2018) ‚History Marketing online – DAX meets History‘, Public History Weekly, 6(14).

Deutsche Bank (2026) Historisches Institut: Forschung und Aufarbeitung der Geschichte der Bank im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main: Deutsche Bank AG. Abgerufen am 1. Oktober 2026.

Foster, W.M., Wiebe, E., Coraiola, D.M., Bastien, F. und Suddaby, R. (2020) ‚Memory Work: Corporate Archivists and Long-Term Remembering in Organizations‘, in Reinecke, J., Suddaby, R., Langley, A. und Tsoukas, H. (Hrsg.) Time, Temporality, and History in Process Organization Studies. Oxford: Oxford University Press.

Grieger, M., Karlsch, R. und Köhler, I. (2020) Expansion um jeden Preis: Studien zur Wintershall AG zwischen Krise und Krieg, 1929-1945. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag.

Jones, D.G.B. und Tadajewski, M. (Hrsg.) (2016) The Routledge Companion to Marketing History. Abingdon: Routledge.

Miele (2023) Buchprojekt „Miele im Nationalsozialismus“: Stellungnahme von Markus Miele und Reinhard Zinkann. Gütersloh: Miele & Cie. KG, 24. November 2023.

Urde, M., Greyser, S.A. und Balmer, J.M.T. (2007) ‚Corporate brands with a heritage‘, Journal of Brand Management, 15(1), S. 4-19.

Volkswagen (2026a) Historie und Erinnerungsarbeit des Volkswagen Konzerns. Wolfsburg: Volkswagen AG. Abgerufen am 1. Oktober 2026.

Volkswagen (2026b) Die Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Volkswagenwerks. Wolfsburg: Volkswagen AG. Abgerufen am 1. Oktober 2026.